Alle spatzen pfeifens von den Dächern und es dürfte kaum noch jemanden geben, der sich tatsächlich noch Illusionen bezüglich der so vollmundig im Vorfeld umrissenen und allesamt verfehlten Zielen hingibt.
Vereinzelt flackert noch irritierendes, journalistisches und aberwitziges Sperrfeuer auf, welches mit dem häufig amüsanten Trotz beleidigter Kleinkinder mit seinem Füßchen aufstampft und dann so Sätze schreibt wie:
Die Bundeswehr zieht sich, genau wie die Streitkräfte der westlichen Alliierten, allmählich aus Afghanistan zurück. Eine militärische Niederlage bedeutet das nicht.
... schreibt in diesem Fall Stefan Buchen auf Qantara.de und erschreckt mich damit, wobei das Erschrecken mehr Ähnlichkeit mit Fremdschämen hat.
Denn sogar Buchen straft sich selbst wenige Sätze später Lügen:
Nach mehr als elf Jahren Nato-Einsatz ist das Land unsicher. Die ISAF-Panzerwagen rasen, wenn sie überhaupt ihre Lager verlassen, aus Angst vor Anschlägen mit hoher Geschwindigkeit durch Städte und Dörfer. Mit Hightech-Ausrüstung vorbei an ärmlichen Lehmhäusern ohne Strom und fließendes Wasser.
Nun - ein einmarschierter Aggressor, der sich ganz offensichtlich in dem von ihm eingenommenen Gebiet aus lauter Angst entweder gar nicht, oder nur panisch mit hohen Geschwindigkeiten bewegen kann, hat definitiv keinen Sieg, kein Patt, kein Remis, sondern lediglich eine Niederlage hingelegt. Man mag sich das ja schöner denken - aber davon wird es nicht schöner.
Der vom Westen eingesetzte Hamid Karzai ist immer noch Präsident von Afghanistan.
Ein Präsident im Übrigen, der ganz offen seit langen Monaten bereits mit den Taliban über Macht, Geld und Militär für die Zeit nach dem Abzug der Alliierten verhandelt weil er weiß, dass er selbst niemals genug Einfluss haben wird, um das Land zu befrieden oder regierungsseitig von Taliban frei zu halten. Deshalb kann er nur noch hoffen, die Macht möglichst leise und ohne große Gemetzel an die Taliban zurückzugeben.
Nicht, dass Karzai etwas an den Opfern des Gemetzels läge - es geht ihm eher darum, dass offene Kriege und Kämpfe internationales Hilfskapital verschrecken, welches nach seiner Ankunft in Afghanistan direkt in die Taschen der Warlords fließt - und möglicherweise über Umwege auch an ihn selbst, ganz sicherlich aber in die Hände seiner eigenen Familie.
Notlagen halten den Kapitalstrom eingesammelter Spenden am Leben - aber keine Kämpfe.
Die Regierung Karzai ist unpopulär und ohne Autorität. Ihr Arm reicht längst nicht in alle Provinzen des Landes. Die politische Misere wird von einer wirtschaftlichen begleitet. Trotz aller internationalen Drogenbekämpfungsprogramme bleibt Rohopium der einzige Exportschlager des Landes. Die Anbaufläche des Schlafmohns, aus dem die Droge gewonnen wird, erreicht dieses Jahr einen neuen Rekord.
Was die internationale Presse gar nicht gerne schreibt ist die Tatsache, dass gerade russische Organisationen seit vielen Jahren groß in die industrielle Produktion von Heroin eingestiegen sind und Anbau, Transport und Verarbeitung von Opium gerade auf afghanischem Boden erstmals fabriktechnisch und mit Großgerät bewältigen; Russen machen den Big-Deal und versorgen immer größer werdende Bedarfsanteile weltweit.
Alles geschieht im Übrigen unter den Augen der Alliierten Streitkräfte; aus Panik vor internationalen Verwicklungen und dem offiziellen Einschalten Moskaus wird sogar detaillierte Berichterstattung hierzu verhindert.
Der Ausdruck, Karzais Macht reiche "längst nicht in alle Provinzen", so ist das eine unzulässig stark geschönte Version der Realität: außerhalb Kabuls hat Karzai faktisch gar keinen Einfluss auf gar nichts; seine Macht reicht noch nicht einmal aus, die Hauptstadt selbst vor massiven und konzertierten Angriffen der Taliban zu schützen, die zuweilen gar mit schwerem Gerät vorgehen. Karzai ist im Grunde vom Anfang an nichts als eine freundlich lächelnde Anziehpuppe, die man zur Herstellung von Kriegswilligkeit durch Europa und die USA touren und vorzeigen und würdevoll winken ließ.
Aus der Sicht des Westens hat in Afghanistan das nicht funktioniert, was als Leitmotiv über diesem Internetportal steht: der Dialog mit der Islamischen Welt. Diesen Ansatz erfand die rot-grüne Bundesregierung als Antwort auf die Anschläge des 11. September 2001, und in Afghanistan wurde er zum ersten Mal in der Praxis erprobt.
Man kann sich kaum noch entscheiden, ob man mit brüllendem Lachen oder Zornesröte auf solchen Unsinn reagieren soll.
Die Bundesregierung hat überhaupt nichts "erfunden", sie hat nur verzweifelt nach einem Ansatz gesucht, mit welchem man den US-Irrsinn, aus niederen Beweggründen Afghanistan anzugreifen, der eigenen Bevölkerung verkaufen konnte.
Man kann ja wohl kaum von "Dialog" sprechen, wenn tausende Soldaten einmarschieren und, über all die Jahre, tausende von Zivilisten tötet.
Welcher Schwachkopf könnte sich denn wohl zu einem "Dialog" aufgerufen fühlen, wenn er die Mündung eines Maschinengewehres am Kopf spürt? 
Und nun macht es eben keinen Spaß mehr.
Ein deutscher Lagerkommandant ist sogar aufrichtig beleidigt:
Nach dem Abzug der ISAF-Truppen müssten die Afghanen sehen, "dass sie allein zurecht kommen." Auf den Einsatz insgesamt blickt er mit Zynismus zurück. Die Afghanen hätten die Chance verpasst, "mit ausländischer Hilfe etwas zu erreichen." Die Schuld daran gibt er allein den Einheimischen.
Niemand kommt auf die Idee, dass die gewählten Mittel von vornherein die falschen gewesen waren.
Wenn ich heute feststelle, dass ich seit beinahe zehn Jahren weiß, dass die gesamte Aktion falsch angefangen worden ist, dann soll das nicht heißen, wie toll und klug ich bin, sondern wie blöd der Rest sich darstellt. Ich bin vielleicht wirtschaftlich ausgebildet, politisch wie historisch sehr interessiert, aber letztlich keine herausragende Leuchte - und dann erschrecke ich mich eben wenn ich feststelle, dass vorgebliche "Experten" solchen Unsinn anrichten.
"Jeder Angriff der Nato-Truppen, der Opfer fordert, schürt den Hass auf die Ausländer", sagt Ahmadjan M., Angestellter des UN-Landwirtschafts- und Ernährungsprogramms (FAO) in Mazar-e Sharif. Der Begegnung mit den bewaffneten Emissären des Westens kann er in der Bilanz nichts Gutes abgewinnen. "Wir Afghanen können uns nur selbst helfen", meint er.
Das sage ich seit Beginn des "Einsatzes"!
Die Alliierten haben viel von dem Terror, der nach Beginn des Krieges auf der Welt herrschte, selbst produziert. Sie haben Hass genährt, sorgfältig mit ihren Bomben gepäppelt und aus harmlosen Zeitgenossen Terroristen gemacht.
Jeder gehe in sich und prüfe sich: käme er nach Hause und fände seine Familie leblos unter den Trümmern seines Hauses und da stünde einer mit rauchender Kanone, der freundlich lächelt und sagt: "Das tut uns jetzt aber leid. Aber wir möchten euch den Islam nahebringen, und da müssen Opfer gebracht werden." - wer würde da verständnisvoll nicken und sagen: "Aber klar doch! Ich finde euren Islam zwar blöd und ich will ihn gar nicht, aber dass meine Familie für euren Wunsch sterben musste, das kann ich gut verstehen."
Und nach all den Toten, den Fehlschlägen, den Lügen und den Zerstörungen kann noch immer nicht sein, was nicht sein darf. Und wenn es noch ein paaar tausend Tote mehr kostet, den Fortgang als ehrenvollen Akt erscheinen zu lassen und eben nicht als das, was es tatsächlich ist, nämlich eine erbärmliche Niederlage aufgrund eigener Dummheit, dann also noch das:
Das Schicksal der afghanischen Mitarbeiter verdeutlicht das Dilemma des Abzugs. Lässt man sie zurück, begeht man Verrat und setzt sie womöglich der Rache von Extremisten aus. Nimmt man sie 2014 mit nach Deutschland, gesteht man das Scheitern des Einsatzes ein. Denn was ist von einem dann 13-jährigen Militäreinsatz zu halten, an dessen Ende die einheimischen Mitarbeiter außerhalb des Landes in Sicherheit gebracht werden müssen, weil sie von Teilen der Bevölkerung als "Kollaborateure mit dem Feind" betrachtet werden?
Offizier G. aus dem ISAF-Feldlager bei Mazar-e Sharif hat auf dieses Dilemma eine klare Antwort: "Die Afghanen sollen hier bleiben. Wer was von persönlicher Bedrohung erzählt, lügt. In Afghanistan erzählt man den ganzen Tag Geschichten aus Tausendundeiner Nacht."
Da werden eben die Betroffenen zu Lügnern erklärt - und "Offizier G." wird schließlich längst nicht mehr dabei sein, wenn die Mitarbeiter tot im Straßengraben liegen und ihn dadurch widerlegen, was selbstverständlich zu erwarten steht.
Nein - nie war Afghanistan weiter davon entfernt, ein Land aus "Tausend und einer Nacht" zu sein als heute. Wie auch der Irak wird Afghanistan nicht nur einige Jahre, sondern einige Generationen brauchen, um sich von diesem wahnsinnigen Militärschlag zu erholen, der ungefragt in ihr Land getragen worden war.
Von Beginn an hatten führende Afghanen häufig und bereitwillig erklärt, dass die Welt sich von den Taliban ebenso wenig erschrecken lassen sollte wie die Afghanen selbst. Sie seien nichts als eine temporäre Erscheinung, die auf Sicht keine Chance auf Erfolg hätte. Nach einem gewissen Höhepunkt würden die Afghanen, denen in ihrer Geschichte noch niemals erfolgreich irgendetwas aufgezwungen werden konnte, die Taliban abschütteln wie ein nasser Hund das Wasser.
Stattdessen haben alliierte Soldaten dafür gesorgt, dass aus der "Erkältung Taliban" in Afghanistan ein bösartiger Krebs werden konnte, der noch für viele Jahre metasthasieren und quälen und töten wird.
Es ist nicht nur nichts besser geworden - sondern eigentlich alles viel schlechter als es jemals war:
In der Tat ist die religiöse Bewegung der Taliban zu einer Art robustem Sprachrohr der Paschtunen geworden, aus denen sie sich fast ausschließlich rekrutiert. Die ethnische Teilung Afghanistans in einen überwiegend paschtunischen Süden und Osten und einen überwiegend tadjikischen und uzbekischen Norden ist heute schärfer als jemals zuvor. Der Zusammenhalt des Landes steht ganz grundsätzlich in Frage.
Jetzt erst sind die Taliban nicht nur (selbst-) erklärte Sprecher und förmlich Regenten Afghanistans, sondern regelrecht gefragte und gesuchte Akteure, die natürlich nach dem Abzug der Alliierten ganz wesentlich mehr Macht erhalten werden als sie jemals hatten. Wenn es auch vor dem Krieg immer Reibereien zwischen den Stämmen gegeben hatte, so blieben Feindseligkeiten zumeist aus; regionale Parlamente, die "Jirga", sind gezielt von den Alliierten gestört und vernichtet worden und daher heute kein Instrument mehr, schlimmer gewordene Auseinandersetzungen zu schlichten.
Grundsätzlich bleibt zum Preis von tausenden von Toten nur folgendes festzustellen:
1. Es konnte nicht ansatzweise ein "Dialog mit der islamischen Welt" begonnen werden.
2. Die Taliban sind nicht nur nicht geschwächt, sondern gehen erstarkt in die Zukunft.
3. Innerafghanische, politische wie technische Infrastruktur wurde von den Alliierten vernichtet.
4. Die Sicherheit im Lande ist ganz wesentlich schlechter als vor dem Krieg
5. Terror und Terrororganisationen erleben deutlich gesteigerten Zulauf
Die Mütter Afghistans leben seit Beginn der sowjetischen Übergriffe vor fast dreißig Jahren mit fremden Soldaten, Waffen, Bomben, Hass und Zerstörungen; sie machen sich nichts mehr vor, wenn sie ihre toten Kinder in ihren Armen halten.
Es ist aber ein beinahe noch viehischeres Verbrechen deutscher Behörden, den Müttern toter Soldaten Schwachsinn über "Dialoge" oder "Aufbauanstrengungen" oder gar "Mädchenschulen" zu erzählen. Das tropft vor Zynik und grenzt an Bösartigkeit und Niedertracht.
Sagt diesen Müttern, den afghanischen wie den den deutschen, dass sie ihre Kinder für nichts hergegeben haben. Für Unsinn, für Lügen, für blasse Träume sind sie gestorben und vor allem dafür, dass einige wenige in ihren Verstecken wunderbar an ihnen verdienen und kistenweise Bargeld an sich raffen.
Sagt es ihnen - denn sie haben ein Recht auf die Wahrheit.