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  • Ägypten - Justiz als Peitsche des Putsches

    Nur aufmerksame und treue Beobachter der Vorgänge am Nil haben es bemerkt: nur wenige Tage nach dem blutigen Umsturz und der Beseitigung der demokratisch gewählten und legitimierten Regierung gab es keine TV- oder Zeitungsredaktion, keinen Polizisten und keinen Richter mehr, der auch nur im Ansatz eine andere Position als die der Putschisten innegehabt hätte.

    Das war ein höchst erstaunlicher Vorgang - es war der Präsident Mursi in 2011, der kurz nach seiner Amtsübernahme sofort alle Zensur verboten und grenzenlose Meinungsfreiheit installiert hatte. Damit, dass diese Erfolge in Ägypten buchstäblich innerhalb von 72 Stunden bis zur Nichtexistenz zurückgefahren wurden, konnte kaum gerechnet werden.

    Tragisch dabei war, dass sich Mursis recht verzweifelter Kampf gegen die treue Mubarak-Liga im Justizministerium durch die Vorarbeit der Putschisten im Militär gegen ihn instrumentalisiert werden konnte. Die Bevölkerung hatte nicht verstanden, dass nur ein radikaler Kahlschlag gegen die obersten (Staats-)Anwälte Verhältnisse hätte schaffen können, in welchen eine aufrichtig der neuen Zeit verbundenen Justiz hätte installiert werden können.
    Der oberste Anwalt, al-Zand, zischelte bereits bei der Vereidigung Mursis unter Zeugen, dass er diesen Präsident allerdings beseitigen und Mubarak rehabilitieren werde.
    So kam es ja dann auch.
    Mubaraks Schergen befinden sich jetzt im Grunde ausnahmslos nicht nur außer jeder Verfolgung und können die Milliarden an Volksvermögen, welches sie in Jahrzehnten beseitegeschafft hatten, beruhigt genießen - und ausbauen.

    Es gab hunderte an Freisprüchen für Soldaten, die sich unter Zeugen durch wahlloses Ballern mit Maschinengewehren in die Menge an den Verbrechen der Putschisten begeistert beteiligt hatten. Hunderte an Freisprüchen für die Soldaten und Polizisten, die in den Unruhen Frauen zu Dutzenden in dunkle Ecken verschleppt und vergewaltigt hatten. Niemand erfuhr eine Verurteilung - alles wurde akzeptiert, totgeschwiegen, von der Justiz so absichtsvoll regelrecht "entschuldigt", dass allerlei Verfahrensbeteiligten vom Opfer bis zum Beobachter der Mund trocken blieb.
    Erst kürzlich wurde eine Demonstrantin mit Blumen in der Hand aus nächster Nähe von einem Polizeischrotgewehr tödlich getroffen; das Verfahren gegen den Polizisten ging selbstverständlich mit einem Freispruch aus. Die Statements vieler Augenzeugen, die Demonstrantin sei unbewaffnet gewesen und habe keinerlei Anstalten zu Unmutsäußerungen gezeigt, wurden vom Gericht vollständig ignoriert und die Behauptung aufgestellt, angeblich seien etliche Demonstranten bewaffnet marschiert und hätten gepöbelt und bedroht.
    Ein Bekannter der niedergeschossenen Demonstrantin wurde in einem Cafè angerufen und informiert; als er zum Tatort eilte, wurde er unter dem völlig verrückten Vorwurf festgenommen, er habe sie erschossen. Auch hier bedurfte es etlicher, energischer Augenzeugen vor Gericht, um den Vorwurf als schwachsinnig zu entkräften.
    Ein Zeitungskommentator schrieb dazu, dass es wohl neuerdings in Ägypten gefährlich sei, mit Blumen auf der Straße angetroffen zu werden. Es könne eine Erschießung provozieren.

    Jetzt wundert uns also auch überhaupt nicht mehr, dass die Kommentare der Prozessbeobachter um das Verfahren gegen den legitimen Präsidenten Mursi ungläubiges Erstaunen zeigen.
    Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) kommt zu dem Schluss, dass die Aburteilung Mursis zu 20 Jahren Haft haarsträubenderweise nur aufgrund seiner Zugehörigkeit zur Muslimbruderschaft entstand. Die konkreten Vorwürfe gegen ihn, er habe angeblich persönlich im Dezember 2012 seine Anhänger zur Gewaltanwendung gegen andere Demonstranten aufgehetzt, wurde im Verfahren durch keinen einzigen (!) Beweis bekräftigt.

    Die Direktorin von HRW Nordafrika, Sarah Leah Whitson, ging sogar noch weiter und fand keinen anderen der weiteren Anklagepunkte gegen Mursi irgendwie belegt; es wurde, sagte sie, kein Beweis für all die Tatvorwürfe, die gegen Mursi erhoben worden sind, vom Gericht präsentiert.
    Schlimmer noch: selbst Vorgänge während der Regierung von Mursi, die theoretisch und mit einem bisschen Nachhilfe zu einem Tatvorwurf hätten formuliert werden können, blieben vollständig unberücksichtigt. Das Verfahren konzentrierte sich gänzlich auf Vorfälle, für die es keine Beweise gibt und deren gegenteilige Zeugenaussagen mehr oder weniger gewaltsam unterdrückt und ignoriert wurden.

    Noch nicht einmal der Verdacht, Mursi habe angeblich wenigstens gedanklich seinen gewalttätigen Anhängern Unterstützung gewährt, konnte irgendwie erhärtet werden; keines der zwischen ihm und seinen Getreuen während der fraglichen Zeit geführten Gespräche beinhalteten auch nur den Hauch einer Akzeptanz der Gewalt von Mursi.

    Nach meiner persönlichen Überzeugung wählte das Putschistentribunal die Tatvorwürfe sehr sorgfältig und achtete peinlich genau auf die Außenwirkung des Verfahrens. Die ägyptische Bevölkerung und der gesamte Rest der Welt soll verstehen, sehr gut verstehen, dass den neuen Machthabern tatsächlich alle Mittel zur Verfügung stehen, um ihre Ziele zu verwirklichen. Sie informieren uns alle, dass sie selbst fundamentalstes Recht rücksichtslos brechen und über alle Widersprüche und offen diskutierte Rechtsbrüche kommentarlos und ungestört hinwegschreiten. Um es selbst den Blöden dieser Welt (also z.B. 80 Prozent der deutschen, vielen davon in Ägypten urlaubenden Bevölkerung!) noch ersichtlicher zu gestalten, hätte der Putschist und Blutsäufer al-Sisi den Präsidenten Mursi auch wegen des Zerquetschens einer Mücke an die Wand stellen lassen können - es hätte kaum noch einen Unterschied gemacht. Die Putschisten informieren uns mit Mursis Verurteilung vergleichsweise subtil über die zu erwartende Zukunft Ägyptens - und die besteht noch viel schlimmer als je unter Mubarak aus nackter Gewalt, Unfreiheit, Willkür, Unterdrückung und Versklavung.

    An die Ägyptenurlauber Deutschlands in 2015: Viel Spaß am Nil! Und lasst Euch mal ein paar peitschenvernarbte Rücken und Schusswunden von den freundlichen Kellnern zeigen - man will ja was erleben, nicht wahr? >:-[

  • BRD - Belauschungsrepublik Deutschland

    Man möchte sich amüsieren, wirklich. B)

    Aber irgendwann gerät man an die Grenze jeden Amüsements, kratzt sich am Kopf und fragt sich aufrichtig, welches der Drittwelt- bzw. Schwellenländer wir eigentlich darstellen.
    Könnte man sagen: "Bananenrepublik"?

    Suchen wir uns unter Wikipedia die Definition - und da heißt es:

    Als Bananenrepublik werden Staaten bezeichnet, in denen Korruption bzw. staatliche Willkür vorherrschen oder denen diese Eigenschaften zugeschrieben werden.

    Ich halte es durchaus für "staatliche Willkür", wenn, wie zu unterstellen und vorauszusetzen ist, landeseigene Geheimdienste im (allerdings heimlichen) Auftrag nicht nur offiziell verbotenerweise Daten aus dem privaten bzw. wirtschaftlichen Bereich ihrer Bürger und Unternehmen über fragwürdige Techniken einsammeln, sondern sich darüberhinaus auch noch von fremden Geheimdiensten dazu gebrauchen lassen, in deren Interesse ihre Schäfchen gleich noch ein wenig tiefer und weiter auszuhorchen. Und dabei Betriebs- und Produktionsgeheimnisse erheben, deren Umsetzung wirtschaftlichen Vorteil bringt.

    Wir sind, soweit ich weiß, wohl auch in Zusammenhang mit dieser "BND-Affäre" eines von ganz wenigen Ländern überhaupt, die kein ausgewiesenes Korruptionsverbot für ihre Parlamentsmitglieder kennen; deshalb ja drücken sich sogenannte "Lobbyisten" im Bundestag die Klinke in die Hand und auf wundersame Weise vermehren sich die Vermögen der Abgeordneten. Da steht natürlich zu befürchten, dass, auf diese Art motiviert, auch niemals eine wirkliche Kontrolle unserer Nachrichten- und Geheimdienste implementiert worden und bisher noch jeder Untersuchungsausschuss erfolglos geblieben ist.

    Vor allem amüsiert, wie klar erkennbar sich nun bemüht gespielter "Unmut" der Bundesregierung auf Gerhard Schindler, dem BND-Präsidenten fokussiert.
    Das würde ich als Kanzler einer durch und durch gegenüber den USA auf kritiklosen Gehorsam gedrillten Nation ganz sicherlich auch so tun. :roll:

    Objektiv und von der nüchtern betrachteten Sache her hat es natürlich nie und zu keinem Zeitpunkt auch nur eine ansatzweise nachvollziehbare Grundlage dafür gegeben, sich seitens des Bundesnachrichtendienstes (BND) vom US-Geheimdienst Tabellen geben zu lassen, die über die BND-eigenen Suchkriterien hinaus speziell für die USA interessante Daten aus den deutschen Bürgern erhebt. Und genau das ist geschehen.
    In der Wirtschaft kennen wir für derlei den Begriff "Synergien heben!"; was aber für die Industrie ein erstrebenswerter Effizienzzuwachs ist, muss im staatlichen Handeln selbstverständlich verboten bleiben.

    Die Bundesrepublik, namentlich Angela Merkel, hat sich mit der Enttarnung dieser neuen Affäre international ganz entsetzlich lächerlich gemacht. Wir stehen als willenloses Opfer da, das zum Schutz ureigenster, nationaler Interessen völlig unfähig ist und aus geradezu peinlichen Gründen heraus seinem "Freund" auf Wunsch alles gibt, ohne das Verlangen (kritisch) zu hinterfragen.
    Zugegeben: von Angela Merkel war nie etwas anderes zu erwarten. Schließlich eilte sie, als sie gegen Gerhard Schröder Wahlkampf um das Kanzleramt machte, liebedienerisch und speichelleckend ins Oval Office zu G.W. Bush und entschuldigte sich wortreich für das offizielle, deutsche "Nein!" zur Frage nach Beteiligung am Völkerrechtsbruch im Irak. Es sei, so beschied sie damals Bush falsch und ohne jede Grundlage (!), durchaus der Wille des deutschen Volkes, den Angriff mit der Bundeswehr zu begleiten - nur der blöde Sozenkanzler Schröder, der spucke den deutschen Bürgern in die Suppe und hätte ihnen mit seinem Nein den Spaß verleidet.

    Vermutlich war ihr damals nicht erträglich, dass man über sie beißenden Spott mit dem Kohlwort, sie sei "sein Mädchen" gegossen hatte - und es drängte sie, natürlich auch Bushs Mädchen zu werden. Immerhin hat sie sich von Bush ja auch gibbelnd betatschen lassen.
    Wie wollte sie da den USA das Begehren nach deutschen Daten versagen ... ?

    Nicht BND-Chef Schindler trägt unmittelbar Schuld daran, dass den USA mein Klarname hinter meinem blog bekannt ist, sondern Merkel. Dass Obama auf Wunsch und Fingerschnipp meinen privaten und persönlichen Tag auf Minuten, Meter und Personen exakt nachvollziehen kann, ist Merkel zu verdanken. Schindler ist nur Handlanger - vor wenigen Tagen hätte ich noch gesagt, er sei einer dieser "vielen, unerträglichen Oskar Grönings". Wieviel Befehlsgewalt er als Präsident seiner Behörde und wieviel davon Merkel tatsächlich direkt trägt, vermag ich nicht einzuschätzen, es wird garantiert kein ausgewogenes Verhältnis sein.

    Wir werden sehen, was (uns) passiert:

    Nichts. :roll:

    Wenns denn schlimm kommt und Schindler nicht genug Erpressungsmaterial in Händen hält, wird er vielleicht sogar sein Amt aufzugeben haben. Gegen eine mehr als auskömmliche Entschädigung natürlich.
    Es wird ein paar Wochen lang gelinde empörtes Gemurmel geben, vielleicht wird sogar Merkel etwas beschwichtigend-relativierendes von sich geben oder sogar, wenn sie sich im Vorfeld bei einem Telefonat bei Obama dafür brav entschuldigt hatte, vor Journalisten weichgespülte Kritik äußern.

    Aber bloß nicht zuviel!
    Immerhin bereitet man zur Zeit den gewaltsamen Einbruch der US-Hersteller in europäische Märkte in Form des Kampfprogramms TTIP vor, mit welchem man die als wohl unverschämt empfundenen Verbraucherrechte in europäischen Märkten wegfegen will, damit wir endlich qualitativ minderwertiges Zeugs aus den USA kaufen können.
    Mit Merkel wird es das nicht geben, dass Deutschland den USA seine Daten, seine Presse, seine Privatsphäre oder nationale Souveränität vorenthalten könnte! Nicht mit Angie!

    Wenn mein Personalausweis abgelaufen ist und ersetzt werden muss, schaue ich ganz genau hin. Ich bin sicher, da ist dann zu meiner Staatsangehörigkeit plötzlich zu lesen:

    BRDEUSA

    ("Bundesrepublik Deutschland - Eigentum USA")

    Abschließend schreibe ich allen Lesern meines blogs als Hausaufgabe auf den Zettel:
    Schaut mal genau hin, in vier Wochen ist der ganze Skandal abgeebbt, es gibt nicht nur keine Maßnahmen gegen diese Datenerhebung, sondern sicherlich an vielen Stellen elegantere Lösungen, den USA noch mehr Daten noch schneller zu liefern. Es wird natürlich niemals eine Entschuldigung aus den USA geben; im Gegenteil: man wird uns auf Vorhaltung dort etwas unwirsch zu verstehen geben, dass die USA (irgend-) ein ("göttliches") Recht auf diese Daten hätten und nun, basta, wird man zum Tagesgeschäft zurückkehren - und ungerührt weitersammeln.

  • Requiem: Der 100. Jahrestag des ersten Giftgasmassakers ....

    .... war gestern.

    der Tod ist ein Meister aus Deutschland...

    (Zitat: "Todesfuge" von Paul Celan)

    Niemand hat es getan.
    Kaum jemand hat von diesem furchtbaren Jahrestag Notiz genommen.
    Da gab es keine Schweigeminute in Berlin, kein Innehalten auf den Marktplätzen, keine Talk-Shows - und noch nicht einmal blöde Witze von Blöden.

    "Weißkreuz" - "Blaukreuz" - "Grünkreuz" - und "buntes Schießen".

    Jede Kreuzfarbe stand im 1. Weltkrieg für ein spezielles Kampfgas; mit wahnwitziger Geschwindigkeit ließ das Kaiserdeutschland an diesen Massenvernichtungswaffen arbeiten und entwickelte nicht weniger schnell auch Methoden, diese Gase miteinander zu kombinieren. Es galt, wie schon so oft, so unerträglich oft in der Geschichte dieses Landes, für geringe Kosten und Aufwände Methoden zu ersinnen, die das Metzgern möglichst billig, rasch und vor allem kostengünstig abzuwickeln.

    In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts schwante vielen Wissenschaftlern und Politikern, dass eine Zeit der im Vorfeld als unvermeidbar eingestufter Kriege heraufdämmern würde und, beeindruckt von den damaligen Errungenschaften der Naturwissenschaften, sie hegten eine diffuse Angst vor unvorstellbar schrecklichen Waffen, denen kaum oder nichts mehr entgegenzusetzen war.
    Der Traum vom "ritterlichen Kampf" war ausgeträumt; die großen wie bereits technisierten und schnell bewegten Kriege in der napoleonischen Zeit ließen befürchten, dass der Begriff der "Ehre" im Krieg dem des "gerissenen, schlauen Massentötens" das Feld räumen würde.
    Also wurde die Initiative gegründet, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der Formlierung der "Haager Landkriegsordnung" mündete, und diese sah bereits Verbote solcher Massenvernichtungswaffen vor - ohne sie jedoch damals bereits näher bezeichnen zu können, denn immerhin gab es sie zu dem Zeitpunkt noch gar nicht.

    Die Absicht aber war da und bekannt; es hatte niemanden gegeben, der sich ihr entgegengestellt hätte. Der Artikel 23 dieser "Haager Landkriegsordnung" verbietet aber bereits ahnend und seherisch den "Gebrauch giftiger Substanzen".

    Die Geschichte zeigt, dass der "Pogrom" eine ganz und gar wie durch und durch urdeutsche Erfindung ist.
    Drei gewaltige Kreuzzüge mit hunderttausenden von Toten sind mehr oder weniger durch Deutschland initiiert worden, 1285 wurden in München 180 Juden verbrannt, 1348 vernichtete man beim "Pestpogrom" in Deutschland ebenfalls tausende von Juden, 1492 wurden 27 Juden im deutschen Sternberg umgebracht.
    Auch wenn es in anderen Ländern ebenfalls vereinzelt Pogrome gab, liegt der Schwerpunkt organisierter Verfolgung und Vernichtung anderer Menschen sicherlich hier in unserem Land.
    Insofern hat man hier mehr als reichlich Erfahrung damit, gezielt, organisiert, absichts- wie planvoll mit gegebenen oder möglichst geringen Mitteln möglichst viele Menschen zu töten und zu industriell auch zu entsorgen.

    Man wird den 1. Weltkrieg natürlich nie als "Pogrom" werten; dieser Krieg und seine Waffenentwicklung durch Deutschland aber zeigt, dass es in diesem Land eine Vernichtungskultur gibt, die, wollte man es zynisch und giftig ausdrücken, wohl der Merkel'schen "christlich-jüdischen" Tradition entspricht.

    Das unglaubliche Leid, welches die vielen "Oskar Grönings" des Ersten Weltkrieges angerichtet haben, wurde damals wie heute beinahe mit Lichtgeschwindigkeit weggeblendet, mit psychischem Tip-Ex übermalt, negiert, geleugnet, weggedrückt, tabuisiert.

    Der "rote Faden" reicht vom brennenden Juden im München von 1285 über die Schützengräben von Ypern, die "Rampe" von Auschwitz bis hin zu unserem heutigen Verhalten, von uns direkt verschuldete Massentötungen sehr bereitwillig mit hingehaltenen "Argumenten" zu akzeptieren - und womöglich sogar noch nach "Mehr!" zu rufen.

    Der Oskar Gröning von 1285, der "ja bloß" die Fackel für den Scheiterhaufen angezündet hat ist genau der Oskar Gröning, der in Ypern eine Granate mit einem weißen Kreuz in die Kanone lud.
    Der Oskar Gröning, der den Juden in Auschwitz innerlich völlig unbeteiligt ("Die brauchten das ja sowieso nicht mehr.") alles Geld abgenommen hat ist der Oskar Gröning, der in Tröglitz rechtzeitig weggeschaut hat, als der Molotov-Cocktail ins Flüchtlingsheim geworfen wurde.

    Der Schrecken von Ypern ist vergessen. Wir haben die vollen Schützengräben vergessen, die von Giftgasleichen angefüllt waren. Die endlosen Trecks der Verwundeten, die mit weißen Binden vor den erloschenen Augen hilflos ihren Weg ins Irgendwohin gesucht haben - wir haben sie alle vergessen.

    Es tut mir aufrichtig leid - aber die Geschichte bestätigt es ganz einfach mit unübersehbar großen Haufen harter und härtester Beweise: die feigsten, mächtigsten und furchtbarsten Waffen der Menschheitsgeschichte nahmen alle ihren Ursprung in Deutschland. Mit Ausnahme der Atombombe, deren grundsätzliche Funktionsparameter aber natürlich ebenfalls aus Deutschland kommen, sind all diese Waffen und sonstige Vernichtungsinstumente von Deutschen in Deutschland entwickelt und eingesetzt worden.

    Darüber sollte man in einer stillen Stunde - nicht nur zum Andenken an die Toten von Ypern anlässlich dieses Jahrestages - einmal nachdenken.

  • Flüchtlinge, das Nicht-Thema - eine Polemik

    Die mediale Ausbreitung einiger schwerer wie massenhaft tödlicher Seeunfälle, denen hunderte von Menschen zum Opfer fallen, ist tatsächlich kaum zu begreifen.

    In Wahrheit interessieren uns all diese Toten gar nicht.
    Es könnten beliebig mehr sein, so ein oder zweitausend vielleicht und es würde uns tatsächlich überhaupt nicht interessieren.

    Insofern ist es wirklich müßig, sich über die Hintergründe dieser Flüchtlingsströme zu informieren.
    Es ist vollkommen sinnlos.

    Seien wir doch ehrlich: die Flüchtlinge sind sowieso alle wertlos, stimmts .... ? :roll:

    Uns schert ja auch die Situation in Ägypten nicht weiter; wir räkeln uns dort auf Sonnenliegen und beschweren uns, wenn der blöde Kellner da, der beim Putsch seine halbe Familie verloren hat, nicht breit genug lächelt, wenn er uns das Schirmchen in den Cocktail steckt.
    Was soll das auch? Immerhin haben wir das Lächeln bezahlt. Es gehört uns. Es ist uns gleichgültig, was der blöde Islamist im Kellnerkostüm erleben musste.
    Wäre er nur halb so schlau, entwickelt, kulturell wertvoll und trüge er nur den richtigen Namen, dann könnte uns sein Schicksal beinah betroffen machen. Aber so?

    Und nun saufen sie eben ab.
    All diejenigen, deren Länder wir mit Dollars und Granaten zugeschüttet und denen wir Diktatoren eingepflanzt haben, all diese sind eben lange nicht soviel wert wie wir.
    In Wirklichkeit scheren sie uns alle nicht - wenn sie denn Fischfutter werden, liegen sie eines Tages indirekt als "Frutti die Mare" am Mittelmeerstrand auf unserem Teller, an dessen Seite der blöde Islamist mit seinem bezahlten Lächeln den Cocktail mit dem Schirmchen stellt.
    Bedien mich. Aber halt die Fresse, denn was Du glaubst, ist wertlos. Wenn Du etwas für Dich willst, darf es unseren Luxus und Frieden nicht stören - so wie zum Beispiel Dein Leben. Stört es, dann sterbe bitte leise und lächelnd, denn das haben wir bezahlt.

    Fräßen sie Schwein, so wie wir, söffen sie Sprit, so wie wir und würden sie anständig genug sein, ihre eigenen Leute hässlich und dumm zu finden, dann würden wir sie erst Tage später vergessen. So aber wissen wir Mittags kaum noch, was Vormittags mit ihnen geschehen ist.

    Wir sind eben die "Guten".
    Das haben unsere direkten Vorväter so gehalten und wir wollen das gar nicht ändern.

    Wir wollen doch bloß, dass diese unästhetischen Überschriften und die großen Fotos von den Titelseiten der Zeitungen verschwinden. Weg damit. Man kann nämlich auch leise sterben und wenn man wertlos genug ist, dann muss man die Guten davor schützen, sich vor dem massenhaften Tod gestört fühlen zu müssen.
    Natürlich ist selbst der Blödeste, Hässlichste und Ärmste unter uns weit mehr wert als irgendeiner von Euch. Dazu muss man nur weiß und dumm sein, Schwein fressen und Alkohol saufen, dann nehmen wir Dich gnädig auf, solange Du auch Deine Leute geringschätzt, jeden Tag ein bisschen beleidigst. Du kommst dann in die Gnade eines Vorgartens, eines Schützenfestes und, weil Du uns gegen Deine Leute hilfst, auch eine billige Tankrechnung.

    Aber die halbnackten Schwarzen da, die kaum "Europa" aussprechen können, die erheben völlig zu Unrecht eine aberwitzige Forderung nach Leben und Freiheit. Solange wir ihre Heimatländer mit Diktatoren und Granaten durchpflügen, solange müssen wir fest daran glauben, dass wir die Wertvollen, die Guten, die Bevorrechtigten sind - und alle anderen eben nicht. Denen werfen wir zwei Taler hin und kaufen uns ihr Lächeln. Bekommen wir das Lächeln nicht, dann gehen wir uns eben beschweren und ruhen nicht länger, als bis der unverschämte, blöde Islamist seine Arbeit verliert. Was bildet der sich ein.

    Wasser ist eigentlich eine perfekte Lösung. Es hinterlässt keine Ruinen, in denen man Gaskammern findet. Es macht keinen Krach wie Erschießungen; die dummen Schwarzen versinken ganz leise.

    Natürlich geht kein Schwein bei uns für die blöden Islamisten auf die Straße, die sind so unerträglich anders gefärbt als wir, die essen was anderes als wir, vermutlich riechen sie streng, die können unsere Sprache nicht und sie sind wertlos, weil wir das so brauchen.
    Sie wollen doch bloß unser Geld. Vielleicht, weil sie eines Tages uns zwei Taler in den Schoß werfen und unser Lächeln haben wollen, wo kämen wir denn da hin? Die wollen bloß unsere sauberen, reinen, guten und starken Mädchen, im Cafe neben uns sitzen und sogar noch vor uns bedient werden, bloß weil sie eher da waren als wir.
    Entsetzlich.

    Oskar Gröning, der zur Zeit vor Gericht stehende Soldat aus Auschwitz, sagte dazu:

    "In einem Konzentrationslager ist das nun mal so", sagt er, als ob er Selbstverständliches zum Besten gibt. Dann beschreibt er, wie "normal" und "sauber" es im Vernichtungslager Birkenau zuging.

    Eben.
    Wichtig ist, dass wir sauber, lautlos und effizient mit Untermenschen umgehen. Deshalb lassen wir im Mittelmeer auch Kriegsschiffe kreuzen, die Flüchtlingsboote gewaltsam zurückdrängen, damit die Insassen nicht in europäischen Gewässern absaufen - es muss ja alles seine Ordnung haben, nicht wahr.

    Sollen sie still, leise und heimlich sterben, die blöden, schwarzen und frechen Islamisten, denn das sind sie doch alle und sie wollen doch bloß unsere sauberen Mädels, unser Lächeln kaufen und in unsere Häuser scheißen.

    Na sowas.

  • J. Todenhöfer - seine Reise in den "IS"

    Hier geht es (noch) nicht um das Buch an sich, hier geht es zunächst einmal im Vorfeld um die Reaktionen in Deutschland auf die Reise selbst und die Erkenntnisse, die Todenhöfer daraus gezogen hat.

    Den Vorreiter dumpf-ignoranten, also deutschen Denkens gibt wieder einmal der Großmeister der Relativierung, Jan Fleischhauer vom SPIEGEL. Er will uns wie üblich genehme Argumente in den Mund legen und eigenzahnig vorkauen, nach denen wir uns so sehnen, weil sie uns das Leben so wunderbar einfach stricken und die Aufmerksamkeit wieder dorthin fokussiert, wo sie derartige "Journalisten" und Politiker gern sähen: im Konsum, beim Fußball, auf Malle.

    Deshalb schmiert Fleischhauer auf SPIEGEL-Online einen haarsträubenden "Kommentar" zusammen, aus dem ich hier zitiere.

    Schon die ersten zwei Sätze sind eine persönliche Beleidigung:

    Es ist erstaunlich, was zu viel freie Zeit mit Menschen macht, die das Rentenalter erreicht haben. Das gilt selbst für Leute, die ein Gutteil ihrer aktiven Zeit als brave CDU-Funktionäre verbrachten.

    Das Wort kann man Fleischhauer im Munde herumdrehen - und erst dann macht es wirklich Sinn:
    Es ist erstaunlich, dass Politiker, die es auf Basis ihres privaten und öffentlichen Lebenswerks nicht mehr nötig hätten, sich unter Gefahr zu engagieren, einigen Journalisten zeigen müssen, wie deren Handwerk funktioniert. Der Groteske ist hier nicht Todenhöfer - sondern Fleischhauer.

    In seinem dritten Leben hat er sich der Rehabilitierung vom Weg abgekommener Islamisten verschrieben, wobei seine besondere Fürsorge dem missverstandenen Attentäter gilt.

    Hier gibt Fleischhauer ganz den starrsinnigen Machtgläubigen, der bis zum letzten Soldaten kämpft weil er die Situation, die zu Konflikten führt, nicht durchschauen will. Einen, der bis zur letzten Patrone an die Überzeugungsgewalt von Kanonen, der an Bestrafung glaubt und verlangt, dass sich die Welt politisch an ihm ausrichtet, weil er die Weisheit mit der ganz großen Kelle gefressen hat. Zumindest glaubt er das.
    Einer wie Fleischhauer braucht diese Überzeugung auch zum Überleben; verlöre er sie, würde er sich ja um neue Wahrheiten zu bemühen haben. Und die könnten, das ahnt er selbst, für ihn sehr, sehr unbequem werden.
    Deshalb muss Fleischhauer sowohl Todenhöfer lächerlich machen als auch mit peinlichem Witz aus einem Attentäter einen "unverstandenen Attentäter" machen.

    Nach Gaza-Kämpfern, Taliban und al-Qaida hat der selbsternannte Nahostexperte nun den IS als Missions- und Aufklärungswerk entdeckt.

    Nein. Todenhöfer hat sich nicht "selbst ernannt". Er hat sich diese Ernennung mit wichtigen und intensiven Feldforschungen hart erarbeitet und es zeugt von großer Dummheit, diese Arbeit nicht zu würdigen.

    Todenhöfer sagt, er verdanke die Einladung seinen früheren Büchern. Man kann sich als Autor seine Fans nicht aussuchen. Ich würde mir an seiner Stelle allerdings überlegen, ob das ein gutes Argument ist, um hierzulande den Verkauf anzuheizen.

    Natürlich ist das Gegenteil richtig: gerade und ausgerechnet die Herkunft der Einladung ist es, die seine Arbeit wichtig macht und intensiv ausgestaltet. Es gibt dankenswerterweise eine große Menge an Europäern, die sich von der Hochnäsigkeit und etwas dümmlichen Arroganz eines Fleischhauers entfernen und sich Todenhöfers Erkenntnissen widmen - und für die ist das Wissen um die Herkunft der Einladung ein zusätzlicher Anreiz, sich wieder einmal mit ihm zu befassen.

    Zehn Tage war Todenhöfer im Kalifat unterwegs. Was den praktischen Erkenntniswert angeht, ist sein Reisebericht eher eine Enttäuschung.

    Hier zieht Fleischhauer blank. Ihm selber geht die Diskrepanz zwischen einem ambitionierten Augenzeugenbericht "vor Ort" und den von den Regierungen gezeichneten Bild offenbar nicht auf. Er übersieht einfach, dass der Alltag im "IS" offensichtlich viel profaner ist, als uns amtlicherseits verkauft werden soll und damit versteht Fleischhauer auch die immense Gefahr darin nicht, die er selbst in seiner Dummheit auch noch multipliziert.
    Denn wenn sich der Alltag im "IS" keineswegs überall und immer so grausam und brutal ist, wenn da nicht alle paar Augenblicke Dutzende von Frauen gesteinigt und auf offener Straße vergewaltigt werden, dann behält der "IS" einiges an Anziehungskraft und produziert die Hoffnung, dass man derartige Verhältnisse mit seinem eigenen Eintritt vielleicht bessern könne. Fleischhauer hilft dem "IS", weil er die Hintergründe seines eigenen "Kommentars" einfach nicht versteht.

    Auch was die lokalen Attraktionen angeht, bleibt die Ausbeute eher dürftig: Nicht einmal eine kleine Steinigung wurde dem IS-Reisenden von seinen Gastgebern geboten. Im Blick auf die touristischen Ambitionen steckt das Land noch in den Kinderschuhen.

    Das liest sich, als schaue man einen UFA-Wochenbericht der Nazis, die sich nicht unähnlich über die damals im Blitzkrieg niedergeworfenen Oststaaten mokierten und unglaublich hässlich und verzerrt formulierten.

    "Man kann seine Feinde nur besiegen, wenn man sie kennt", ist Todenhöfers Antwort auf die Frage, warum er sich auf die Reise in das vom "Islamischen Staat" kontrollierte Gebiet eingelassen hat. Wenn das der Beweggrund ist, war er ohnehin am falschen Ort. In seinem Fall hätte eine Israel- oder USA-Reise völlig ausgereicht.

    Aha. 8|
    Wie soll man bitte jetzt das verstehen?
    Dass man bitteschön einzig und allein Israelis und US-Politikern "Wahrheiten" vom Munde abzulesen habe? Dass deren Sichtweise sowieso die einzig richtige sei? Ist das so? Will Fleischhauer etwa, dass sich Todenhöfer demnächst gefälligst bei den Amerikanern zu melden und instruieren zu lassen habe? Weil wir kraft Erfahrung alle von der Wahrheitsliebe der USA wissen?
    Oder will uns Fleischhauer etwa sagen, dass die Israelis und die USA die einzigen, wahren Feinde seien?
    In beiden Fällen hätte er sich wirklich schwachsinnig ausgedrückt.

    Das Wunderbare an Todenhöfers Erzählungen aus 1001 Nacht ist ja: Am Ende sind immer die Amis schuld. Der IS ist keine höllische Ausgeburt des Islam, sondern ein "Baby des Westens".

    Das grenzt an Neo-Macchiavellismus.
    Wir deuten uns die Realität einfach um und wiederholen diese "Wahrheit" einfach stereotyp. Nicht sofort, aber nach einer gewissen Karenzzeit werden solche Behauptungen in den Rang einer Wahrheit übernommen. So werden Meinungen nachhaltig manipuliert. Dabei genügt ein kurzer Blick auf eine große Menge historischer Daten und es war ein Todenhöfer, der dies zum ersten Mal getan hat.
    Fleischhauer versucht hier mit einer wirklich hässlichen, ganz sicherlich aber erfolgreichen Dialektik, die Deutungshoheit des Westens zu retten und jede andere Wahrheit vom Tisch zu wischen. Er kann dies folgenfrei ebenso tun wie die Propagandisten unter Göbbels es taten - denn all diese vertrauen zu Recht fest auf die Dummheit der Menschen und deren erklärter Sucht nach möglichst einfachen, trivialen und robusten Rezepten.
    Da das Ergebnis feststeht, muss die Argumentation dafür im Hintergrund wachsen: die Ölregion des Golfs soll samt ihrer Nachbarschaft zerstört und in Konflikten festgehalten werden - frei nach dem Motto "Dividere et Impere!" werden alle Verbände, Organisationen, Staaten und Nationen konsequent durch mehr als reichliche Waffenlieferungen und Hetztiraden zerkrümelt und in prekären Lebensverhältnissen festgehalten. Nun müssen wir nur noch alle oppositionelle Widerstandsgruppen zu "verrückten Taliban" erklären und dürfen dafür immer weiterschießen.

    Fleischhauer ist dringend darauf angewiesen, einen "IS" unbedingt zu einem Haufen hysterischer Radikaler zu erklären; damit verhindert er, dass auch nur geringste Teile ihrer Überzeugung jemals ernsthaft diskutiert werden und auf Verhandlungswegen zu Kompromissen und gegenseitigem Verständnis führen können.
    Um keinen Zweifel aufkommen zu lassen: der "IS" gehört auf jeden Fall destabilisiert, auseinandergejagt und ihrer Führer müssen nach meiner Überzeugung auf jeden Fall hingerichtet werden. Aber dafür müssen wir die Motivation der Kämpfer erst verstehen und dann ernstnehmen.
    Fleischhauer verschweigt, dass kein einziger Experte weltweit auch nur für eine Sekunde je daran geglaubt hatte, dass ein "IS" durch Waffen und Krieg eliminiert werden könnte. Es ist davon auszugehen, dass er davon auch gar nicht weiß, weil er sich als Friedens- und Luxuskind nur zu gern von "Argumenten" einlullen lässt, die ihn seinen Frieden und seinen Luxus ungestört von einem Gewissen auch zuverlässig weiterhin genießen lassen.

    Das ist es ja genau, was ich so überragend an Todenhöfer schätze: den Mut, den Willen und den Trieb dazu, sich endlich sachlich fundiert und durch eigene Erfahrungen vor Ort kundig gemacht der Realität dadurch zu stellen, dass er sie erst einmal selbst erlebt.
    Weder wirtschaftlich noch durch seinen persönlichen Hintergrund hätte Todenhöfer Publicity nötig gehabt. Er hat auch niemals den Eindruck hinterlassen, öffentlichen Zuspruch zu brauchen. Er hat diverse Male sein Leben riskiert und mit Menschen gesprochen, die längst von der Welt vergessen oder abgeurteilt worden sind. Er hat Furchtbares erlebt und in seinen Büchern geschildert; genug Furchtbares, was unmittelbar aus dem Wirken unserer dummen und aggressiven, gewinnlerischen Politikern entsprang.

    Ich weiß nicht und will nicht entscheiden, ob Fleischhauer tatsächlich persönlich viel zu dumm ist, um Todenhöfers Arbeit zu begreifen oder ob er nicht vielleicht doch eine dezidierte, politische Agenda hat und irgendwie davon profitiert, dass er mit seinem "Kommentar" keine westliche Politik kritisiert.
    Journalisten wie er aber sind gefährlich und sie sind unmittelbar dafür verantwortlich, dass Kriege immer und immer weiter gehen weil sich keine Öffentlichkeit (mehr) findet, die sich zu tausenden in Protesten vereint vor einem Bundeskanzleramt etwa wiederfinden.
    Erinnern wir uns: der Vietnam-Krieg wurde erst beendet, als der Druck der Öffentlichkeit zu groß wurde und dies konnte nur geschehen, weil es damals eine sehr viel bessere und objektiver arbeitende Presse gab, die selbst die furchtbarsten Bilder von grauenvollen Übergriffen ihrer Soldaten ungeschminkt in den Äther schickten.

    Um Wirtschaft und Politik vor solchen Öffentlichkeiten zu schützen, hält man sich eben einen Fleischhauer.

  • Oskar Gröning - nur ein ganz normales Monstrum

    Heute beginnt also vor dem Landgericht Lüneburg der Prozess gegen den nunmehr 93-jährigen Oskar Gröning. Er habe sich, so die Anklage, der Mittäterschaft an dem Mord an 300.000 Menschen schuldig gemacht.
    Das ist ein ganz ungeheurer Vorwurf und man sollte sich die Mühe machen, in diesem Fall etwas näher hinzuschauen.

    Oskar Gröning war (soweit meine Informationen bisher reichen!) ein Buchhalter und als Soldat in Auschwitz-Birkenau eingesetzt. Dort habe er an der berühmten wie furchtbaren "Rampe" Gepäck und Geld der zur Vernichtung angelieferten Juden fortgeschafft und das Geld an die SS weitergereicht.

    Gröning war also "nur" einer von vielen tausenden kleiner, mittlerer und "großer" Befehlsempfänger oder -Haber und somit nur einer von vielen tausenden, die mehr oder weniger schmerzhaften, entsetzlichen Hass erzeugt und transportiert haben.
    Wo will man sinnvoll anfangen, Schuld zu "tarifieren"?
    Spricht denn wirklich für Gröning, dass er die Juden nicht eigenhändig in die Gaskammern gestoßen hat? Und was ist mit seinem Verhalten an der Rampe? Hat er da ganz sicher keine Juden mit widerlichen Sprüchen und Hieben seines Gewehrkolbens vorwärtsgetrieben? Hat er sich ganz sicher nie selbst an den Habseligkeiten der Juden vergriffen?

    Und selbst wenn dem so sein und er in dieser Hinsicht schuldlos sein sollte:
    Ohne diese vielen tausende "kleiner Helferlein" wie ein Gröning beispielsweise hätte das Räderwerk der massenhaften, industriellen Menschenvernichtung niemals in Szene gesetzt werden können. Er war nicht "nur" ein dummes Mitläuferchen - er hat das Unrecht mit erzeugt. Allein schon sein Schweigen, der Umstand, dass er nicht aktiv Gegenwehr, Widerstand geleistet hat, belädt ihn mit einer schier maßlosen Schuld.

    Und diese Schuld, die niemals getilgt werden kann und in Yad Vashem ihren Niederschlag findet, die erstreckt sich auf sämtliche Bundesregierungen, die Deutschland seit den frühen 50'er Jahren des letzten Jahrhunderts gewählt und regieren lassen hatte.
    In diesen Jahren hätte das angeblich "neue" Deutschland sich bewähren und die weitaus meisten dieser vielen tausend Helferchen, Unterstützer, Anschieber, Gewinnler identifizieren, stellen und aburteilen können.

    "Hätte können".

    Und hat es definitiv nicht getan.
    Eher im Gegenteil: viele tausend fanden ausgezeichnetes Auskommen, indem sie von allerlei Kumpanen getarnt erneut unter den Rock eines Staates gekrochen sind. Sie haben sich gegenseitig freigesprochen, oft abends beim Pils mit zugekniffenem Auge und breitem Grinsen. Sie haben sich unter den Augen der neuen Regierungen gegenseitig Pöstchen, Gelder, Pfründe und Lossprechungen zugeschanzt. Schon das "Entnazifizierungsverfahren" durch die Alliierten war ein hohler Witz: häufig genug reichte ein Geldbündel, um selbst als Nazi-Koryphäe angeblich als "geläutert" losgesprochen zu werden und den begehrten Wisch zu erhalten.

    Sie haben jahrzehntelang unter uns gelebt; all diese "kleinen Grönings", die sich allzu oft, zumindest im angeheiterten Zustand, belustigt, frei und offen zu ihren "Großtaten" bekannt haben, wenn sie viele Juden besonders grausam behandelt oder getötet hatten.
    Ich selbst bin Zeuge dessen.
    Ich habe sie als Kind erlebt, diese vielen tausend "kleinen Grönings" - und erst viele Jahre später, als meine menschliche und politische Bewusstseinsbildung dazu hinreichte, habe ich mich davor entsetzt und mich vor diesen Menschen zutiefst geekelt.
    Bis heute wäre ich bereit dazu, höchstselbst ein dieserhalb ergangenes Todesurteil eigenhändig, ungerührt und innerlich eher befreit zu vollstrecken.

    Wir haben sie alle laufen lassen - wir alle.
    Dass es jetzt zu einer Anklage gegen Gröning kommt, ist ein zynischer Irrwitz der Geschichte. Man muss sich beinahe fragen, was das soll und aufrichtig wie wahrhaftig erschüttert feststellen, dass wir tausende weitaus "größerer" Schuldiger in Frieden, Freude und gutem Auskommen haben leben und auch sterben lassen.
    Nun greifen wir uns also einen Greis, der laut Anklage tatsächlich nur der "Kofferträger des Todes" gewesen war.
    Wir haben kein Recht (mehr) zu der geheuchelten "Empörung", dass sich Gröning klar, bewusst und unmissverständlich selbst nicht als "Schuldigen" sieht und darauf verweist, dass er selbst schließlich keine Hand an Juden gelegt haben will - wenn man das denn überhaupt glauben will.

    In all den Jahren, in denen wir diese bizarre wie beunruhigend falsche "Freundschaft" zu Israel bekundet und mit sehr hohen Sach- wie Geldleistungen begleitet haben, ließen wir tausende und abertausende "großer" und "kleiner" Grönings sehenden Auges und in vollem Bewusstsein, was das bedeutet, laufen.
    Dieses Deutschland hat zugelassen, dass ich als ahnungsloses Kind auf den Knien von Monstren saß und mir ihre furchtbaren Auswürfe bei ihrem Zeigen auf andere, "Dat isse ne Jutt." habe anhören müssen.
    Damit trägt dieses Deutschland auch selbst wie maßlose Schuld an dem modernen Rechtsradikalismus.
    Ich gebe es zu und hier darf ich es: ich halte mich für sehr intelligent und aufmerksam und damit verfüge ich offensichtlich über das schärfste Schwert gegen Einflüsterungen wie die von Rechtsradikalen.

    In mir konnte der Auswurf "Dat isse ne Jutt." nie verfangen - eher im Gegenteil: ich hakte schon als Kind bei Erwachsenen nach und wollte wissen, was denn "eine Jutt" eigentlich sei. Ich erhielt nie eine Antwort. In mir hätte sich die Erkenntnis, dass "ne Jutt" was wirklich Unanständiges, Verwerfliches, Niedriges sei, durchaus verfangen können - und allein dafür klage ich dies "neue Deutschland" wegen Verlogenheit, Heuchelei und Bösartigkeit an.
    Auch dafür, dass es damals weder Mut noch Energie hatte, einen neuen, besseren Staat mit neuen, besseren Menschen aufzubauen und viel lieber tausende aus all den übriggebliebenen "kleinen" und "großen" Grönings rekrutierten.

    Wenn Ihr mich fragt ..... dann lasst Ihr diesen "kleinen Gröning" als Schandmal für Deutschland ebenfalls laufen. Gießt sein Gesicht in Messing, überlebensgroß, und stellt es vor das Bundeskanzleramt in Berlin auf. Möge er für all diese vielen tausende seiner furchtbaren "Kameraden" stehen - in Form des "Unbekannten Massenmörders" und einmal im Jahr sollte der amtierende Bundeskanzler schwarze Rosen zum Gedenken an die tausende Verbrechen Deutschlands am Deutschland der Nachkriegszeit davor niederlegen.

    Gröning - ein zugegebenermaßen abstoßender Gedanke für einen "neuen Deutschen", in all seiner Widerwärtigkeit und Grausamkeit nicht zu begreifen, würgereizerzeugend.

    Man stelle sich das einmal wirklich vor - man meditiere einmal über diese Idee: Gröning, ein Mittäter aus Auschwitz, relativiert seinen täglichen Hass mit der Aussage, er habe das schlimmste aller Verbrechen in Auschwitz gar nicht mal begangen.
    Das verhält sich, als würde ein kranker Mörder aussagen: "Ich hab dem wenigstens nur ins Herz und in den Kopf geschossen - ein anderer hätte ihn erst einmal stundenlang gefoltert."

    Lasst Gröning laufen. Tretet ihm in den Hintern, scheucht ihn aus dem Gerichtssaal und lasst ihn den Rest seines Lebens in Schande verbringen. Mit seinem Gesicht in Messing vor dem Bundeskanzleramt - Aufschrift: "Ich war nur einer von vielen tausend Mördern!"

  • Deutschland - Abendland, Grundgesetz und Kopftuch

    Nun hat sich das Bundesverfassungsgericht mit einem weisen Urteil in den Spagat begeben - und es wurde keine Blutgrätsche daraus.

    Die Charakterisierung Deutschlands, Europas als "Abendland" wird von sehr vielen Europäern durchaus so gefühlt und weckt kaum bis keine Störgefühle - obschon es tendenziöser, ja gefährlich unsinniger Quatsch ist und semantisch nur eine Reminiszenz an Zeiten darstellt, die in Sachen Rassismus, Dummheit und Faschismus tatsächlich durchaus noch um einiges dunkler waren als heute.
    Als das Wort kreiert wurde, lag die Absicht dieses Begriffs in einer deutlichen Trennung von Kulturen, um eine davon, die muslimische nämlich, klar umrissen herabwürdigen zu können.
    Viele modernen Bürger haben eine etwas andere, eher romantisierende Definition - trotzdem erreicht das von Rechtsradikalen beschworene "Abendland" in den Köpfen vieler eine Grenzziehung zwischen "uns" und "denen da".

    Das war eine Welt, aus der sich das jüngst kapitulierte Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg mit Siebenmeilenstiefeln zu verabschieden gedachte; es war ziemlich genau eine dem "Abendland!" verwandte Sinnbeziehung, die zur Vernichtung von Millionen Menschen geführt und eine gefühlte "Wertigkeit" menschlichen Lebens anerkannt hatte.
    Also erschuf Deutschland sein "Grundgesetz". Dessen Geist ist längst verraten und zum Opfer einseitig interessierter Menschen und sonstiger Politiker gefallen. Es scheint beinah nur noch Aas zu sein, denn die Menge an Geiern, die es aufpicken, ist kaum noch überschaubar.

    Artikel 1

    (1) Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.

    Schon hier, beim ersten Artikel und dessen ersten Satz, hat die Vergewaltigung und Zerreissung längst nicht nur eingesetzt, sondern hat Methode bekommen.
    Diesem Gesetz zum Trotz rissen die Deutschen Menschen Kleidungsstücke von erheblichem, ideellen Wert von den Körpern und stellte das Tragen dieser Textilie unter Strafe. Und dies taten sie, weil sie sich einbildeten, besser als die Träger dieser Textilie deren Wert bestimmen und entscheiden zu können, dass das Tragen des Tuchs verwerflich sei. Sie schändeten die Gefühle von Menschen, weil sie sich um deren Erklärungen zum Tuch nicht scherten, nicht hinhörten und ärgerlich allen beschieden, sie hätten von sich selbst keine Ahnung und müssten angeblich vor sich selbst beschützt werden. Da wurden Teile der Bevölkerung für "rückständig" erklärt, weil sie sich der Deutung Uninformierter und Übergeschnappter nicht anschließen mochten.
    Also formulierten die Deutschen ein Gesetz und rissen damit Menschen Textilien vom Körper.

    Aber nicht allen. Oh nein. Die gleiche Textilie, ebenfalls von einer Frau getragen, die wurde von diesem Gesetz natürlich nicht erfasst und diese Frauen trugen sie - ebenfalls demonstrativ und um zu zeigen, wessen Geistes Kind sie sind.
    Aber die, die durften das. Immer. Und überall.

    Es ist peinlich, so unglaublich peinlich, dass folgende Sätze (von Qantara.de) überhaupt in deutscher Sprache verfasst werden müssen. Sie klingen, als seien sie für Kinder geschrieben. Oder eben für Dumme. Also für Deutsche:

    Das Kopftuch ist ein Kopftuch. Es ist nicht aus gefährlichem Stoff. Es ist klein, es wickelt nicht die ganze Frau ein; es dient nicht der Verschleierung.

    Diese drei Sätze klingen nicht nur trivial, sie sind es auch.
    Wären sie vor der Verabschiedung dieses unseligen "Kopftuchverbots" veröffentlich worden und hätten sie zum Ergebnis gehabt, dass dies Verbot zum Lob der Intelligenz verhindert worden wäre, dann hätte man leise pusten und denken können: "Glück gehabt."
    Nein.
    Diese Sätze waren notwendig, nachdem das Bundesverfassungsgericht aus Unrecht Recht gemacht hatte.

    Es geht nicht, dass eine Ordenstracht erlaubt ist, das Kopftuch aber nicht. Wenn eine muslimische Lehrerin, die für diesen Staat und seine Grundordnung einsteht, ein Kopftuch trägt - dann ist das eine gute Botschaft.

    Nein - es hätte niemals notwendig sein oder werden dürfen, solche Sätze zu schreiben.
    Das Groteske, Verrückte hinter diesen Sätzen entfaltet sich vielleicht nicht jedem, und selbst dieser Umstand ist für dies Deutschland ganz unglaublich peinlich.
    Es würde nur zwei, drei Gedanken mehr bedurft haben, und kein einziger Deutscher hätte jemals auf die Idee kommen können, unter Zwang Menschen irgendwelche Textilien vom Leibe zu reißen. Was wäre das für ein Jammern, Wehklagen und Geheule geworden, würde man in vollendeter Raserei durch alle Klöster irren, jede Nonne zu Boden werfen und ihre Ehre, ihre Würde, ihren Glauben durch das Fortreißen ihrer Kopftücher zu schänden?

    Die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts betrachte ich nicht als "gut".
    Da Deutschland außerhalb des ihm von ihm selbst gegebenen Rechts agiert und Menschenrechte mit Füßen getreten hatte, bewegt es sich mit diesem Urteil lediglich nur "von unten" auf den "Null-Wert" zu. Es hat keine Leistung gezeigt, sondern nur einen eklatanten Verstoß gegen seine eigene Philosophie beseitigt.
    Deshalb war das Urteil nicht "gut"; die Sanduhr, es zu fällen, war umgedreht, als das "Kopftuchverbot" berschlossen wurde.

    Und ein fader Beigeschmack bleibt:
    Wenn man das geltende Recht mit harter Hand erdrosselt, dann wird man nicht schuldlos, wenn man vor dem Ersticken die Finger löst und das Sterben des Rechts vermeidet. Die Schuld, das Recht dennoch geschändet zu haben, die bleibt.

  • "Abendländische Kultur" - und Vierlinge mit 65

    Wir haben es offenbar verpasst, einen vernünftigen Haltepunkt in unsere "Kultur" zu implementieren.
    Einen, an dem es nicht mehr weitergeht. Nicht weitergehen darf.
    Einen, an dem jedes Spiel, jeder Versuch, jeder Scherz und jedes ernsthafte Vorhaben zu enden hat.

    Alles, nun wahrhaft alles haben wir von Grenzen befreit und uns dabei eingebildet, wir würden angeblich nach "Freiheit" streben.
    Zugegeben: es war ein schöner Rausch. Ein begeisternder Augenblick, eine wirklich mitreißende Idee, alle Tabus unterschiedslos einzureißen, alle Grenzen zu missachten - und ganz einfach einmal nur zu machen.

    Ich habe die Ausläufer der "68'er" miterlebt und in allen erdenklichen Aktionen der damaligen Avantgarde eine tiefe Bedeutung gefunden, die uns heute eigentlich nur noch amüsieren. Da stellten sich Mitglieder der damaligen Kommune nackt und mit ihrer Rückseite zur Kamera, ich werde es wohl nie vergessen, und lehnten sich mit den Händen mehr oder weniger breitbeinig an die Wand, Männlein wie Weiblein.
    Das war mal ein Knalleffekt gegen die beinah victorianische, verlogene Prüderie!

    Freiheit.

    Wir haben aber damals vergessen, einen vernünftigen Haltepunkt zu formulieren und uns mit der Idee betrunken, alles solle immer jedem möglich sein - die Macht, alles Vorstellbare und noch nicht Vorstellbare tun zu können, raubte uns fast jeden Verstand.

    Und weil wir damals so besoffen daran waren, haben wir, ohne es zu wollen und anfangs auch, ohne es zu wissen, das Ungute mit an die Sonne nach oben gezogen. Das, weshalb alle Gesellschaften vor uns Haltepunkte installiert hatten, Grenzen eben, auch "Tabu" genannt.
    Es gibt einen roten Faden von der nackten, Berliner Kommune (über die wir alle lachten) bis hin zu den versteckten Kinderschändern, die sich unter die Grünen mischten und alle Altersgrenzen für Sex einreißen wollten. Weshalb denn auch nicht, so war der Tenor; Altersvorschriften seien lässliche Tabus, in einer modernen Gesellschaft obsolet und einfühlsamer Sex ohne Zwang kann doch Kindern nicht schaden.
    Das Ungute - es hat sich das Mäntelchen des damaligen Aufbruchs umgehängt und marschierte einfach mit.

    Das Ungute - wir haben Bestimmungen, nach welchen es vernünftige Grenzen gibt, die unseren Umgang mit unseren eigenen Körpern einschränken. Das Ungute aber schert sich nicht darum und greift diese Grenzen an, beschimpft sie als "verkrustet", "starrsinnig", "alt", "unfrei" und will sie dort hin jagen, woher sie kommen: in die Vergangenheit.
    Und dann sehen wir es auf den Straßen: Löcher in den Gesichtern, Wunden, Entstellungen, gewaltsam hineingestochene Metalle, verzerrte Bilder des Hasses, bestehend aus unzähligen Totenschädeln und Waffen.

    Das Ungute.

    Es bläst uns Langeweile ein, Unzufriedenheit und ganz enorm viel Hass auf sich selbst.
    Unsere Körper sind die mit großem Abstand besten Biomaschinen auf der Welt und seit allen Zeiten. Kein menschengemachter Mechanismus, keine Idee funktioniert besser - da ist nichts, was moderne Wissenschaft für das Leben auf der Welt optimieren könnten. Kein Ansatz, der einen Menschen wie ein Auto auf ein Podest stellen und erarbeiten könnte, wie man es besser würde machen können.
    Es wäre Schwachsinn, wenn man einem Auto Metallringe einschweißte, wo sie die Optik verschandeln, die reine Funktion erschweren oder gar verletzen und zu nichts als ausschließlich nur zu Problemen führen würde.
    Nur zu vergleichsweise geringen Teilen verleiht man Autos eine menschengefällige Optik - stets aber ist die Funktion des Apparats der Sinn seiner Ausführung. Könnte man es schweben lassen, würde man schließlich keine Räder (mehr) montieren.

    Das Ungute sticht großflächig (häufig gefährliche) Farbe in unsere Haut und kneift uns Metalle hinein, was ebenfalls oft zu medizinischen Problemen führt. Das Ungute bemüht sich um maximale Hässlichkeit; Hässlichkeit kommt von "Hass", und den haben sehr viele auf sich selbst, die sich unter Schmerzen Farbe und Metalle in die Haut stechen lassen.
    Derart Entstellte beunruhigen mich mit ihrem Anblick; ich betrachte sie mit einem Blick, wie ich ihn selbst erwarten würde, wenn ich mir etwa in einer Fußgängerzone einen Eimer Senf über den Kopf schütten würde. Es liegt eine Mischung aus Ekel, aus Fremdschämen, aus Angst und dem Störgefühl des Widernatürlichen vor, die mich schütteln macht.

    Das Ungute hat jetzt einer 65-jährigen Frau eingeblasen, unter Umgehung der letzten Bastionen deutscher Rechtsprechung, die solches untersagt, im Ausland mit fremdem Sperma eine künstliche Befruchtung vornehmen zu lassen, der jetzt Vierlinge entspringen sollen.
    Vielleicht sollte man in diesem Fall als Muslim "das Ungute" gleich beim wohl richtigen Namen nennen: Shajtan.
    Was unseren wirklich verrückten, ja verwerflichen, unguten und fiebergeschüttelten Ideen entspringt und sich Bahn bricht, gießt sich in die Form eines Shajtan und Gelehrte mögen entscheiden, ob der Shajtan zur Idee oder die Idee zu einem Shajtan wird.

    Der Begriff ist jedoch spirituell besetzt und bewertet - nur allzu gern einige ich mich mit Nichtmuslimen auf die objektive Benennung als "das Ungute".

    Denn das ist falsch - und es hätte nie geschehen dürfen.
    Nein, ich würde keine Tattoos und/oder Piercings verbieten, wenn ich König von Deutschland wäre. Denn auch ich glaube gerade als Muslim an die Freiheit und Tattoos und Piercings sind wenigstens operativ entfernbar, auch wenn die Kosten und die Schmerzen entsetzlich sind. Es schadet der Gesellschaft nicht, ob jemand mit Metallringen im Gesicht durch die Straßen läuft oder nicht; mir oder irgendjemandem anders geht es davon weder schlechter noch besser, und soviel Freiheit sollte sein.

    Mit 65 allerdings Leben künstlich erschaffen zu lassen, welches von der ersten Zellteilung an von einer Unmasse an Komplikaitionen, Problemen und Krankheiten bedroht wird - das ist das Ungute und befindet sich außerhalb alles Erträglichen, alles Hinzunehmenden und bedarf dringend einer Therapie, eines erzwungenen Abbruchs, einer öffentlichen Diskussion und der Errichtung eines neuen Tabus.

    Nach meiner persönlichen Meinung ist Annegret Raunigk, die betreffende 65-Jährige, ganz bedauerlich krank. Ich verurteile sie keineswegs als "pervers" und will das Wort "krank" auch nicht ehrenrührig oder als Herabwürdigung betrachtet, sondern als nüchtern-objektiven Tatumstand verstanden wissen. Sie ist tatsächlich ganz bedauernswert krank in der Seele. Irgendetwas, was ich als "das Ungute" bezeichne, treibt sie um bis an den Rand des Wahnsinns. Da sie bereits dreizehn Kinder hat, muss der unstillbare Trieb, das ungebremste Verlangen nach immer mehr Kindern weit jenseits jedes vertretbaren Lebensalters als Krankheit betrachtet und beschrieben werden. Es ist eine böse Krankheit; es gilt als ganz extrem unwahrscheinlich, dass die Kinder nicht behindert und unheilbar krank zur Welt kommen.

    Da ist eine Grenze erreicht, weit überschritten und lässt ohne große Irrtumsmöglichkeit auf etwas sehr "Ungutes" schließen.

  • Ägypten - Jetzt tropfen die ersten Tränen.

    Es war eine bizarre Melange aus Gefühlen, tiefem Erschrecken bis hinein in Schockzustände, schierer Verzweiflung, Wut und Angst, die bisher sowohl die Bevölkerung auf den Straßen Ägyptens über die Konzernentagen bis in die Weite von gefühlten fünf Dutzend mittel- oder unmittelbar betroffener Regierungen anderer Staaten, die eine objektive und ruhige Würdigung der Ereignisse von Mitte 2013 be- oder ganz verhinderten.

    Je nach Gemütslage, eigener Zugehörigkeit, verschiedenster Zwänge bewerteten tausende von Beobachtern die Vorgänge um die Präsidentschaft Mohammed Mursis zuweilen extrem unterschiedlich.
    Obschon es weit weniger belastbare Fakten für diese Sicht der Dinge gibt, schlug der Trend mehr in die Richtung "Mursi war ein islamistischer Präsident mit entsprechender Agenda!" aus.
    Warum das so war, erscheint sehr leicht erklärlich: die Regierung Mursi wurde nicht vom Militär gestürzt und auch nicht vom Volk. Sondern nachweislich von einer Clique von Verlierern, die sich in ihrer Existenz und wegen ihrer Vermögen durchaus nicht unberechtigt bedroht gesehen und einen Vorwurfskanon miteinander abgestimmt hatten, der in der Breite und Tiefe der Bevölkerung verfangen würde.

    Die brutale Gleichschaltung und massive Bedrohung der Presse durch die Putschisten ist ein ganz offen in Ägypten gehandhabtes Geheimnis; kaum jemand zeigt sich davon überrascht, kaum jemand hatte je etwas anderes erwartet. Immerhin hatte der Vorgänger Mursis, Mubarak, exakt genauso mithilfe einer zum Schweigen gebrachten Presse regiert.
    Nun zählt Sherif Rizq sicherlich nicht unbedingt zu Ägyptens besonders bekannten Journalisten oder Medienmännern allgemein. Mit seinem jüngst in der "Egypt Independent" erschienenen Kommentar sicherlich jedoch zu den mutigsten. Er liefert eine nüchterne wie sachliche Abhandlung über die Phänomene, die Mohammed Mursi im Gefängnis landen ließen.

    Der Einfachheit halber liefere ich hier entgegen sonstiger Gewohnheit direkt den (von mir) übersetzten Text; Interessenten lesen das Original und zur Gänze unter:
    http://www.egyptindependent.com//opinion/how-lose-power-one-year-mursi-june-30th-2012-july-3rd-2013

    Um die Machtverteilung in Ägypten vorstellbar zu gestalten muss man bemerken, dass Ägypten direkt und indirekt seit 1952 vom Militär regiert wird.

    Das ist natürlich richtig. Keiner der nach dem König ernannten "Präsidenten" entstammte nicht dem Militär. Dahinter verbirgt sich kein Zufall, sondern Planung und Strategie. Die Militärführung organisierte nicht nur das Präsidentenamt allein schon dadurch, dass gar keine zivilen Gegenkandidaten existierten, sondern auch anhand der internen Bedürfnislage des Militärs - und die hat sich noch nie nach dem Sicherheitsbedürfnis des Landes gerichtet, sondern folgte grundsätzlich immer dem Prinzip des Eigentumserwerbs und der Vermögensausweitung. Das ist weder spitz geschrieben, noch zynisch gemeint: weite Teile Ägyptens sind samt Immobilieneigentum im Besitz des Militärs. Rizq schreibt auch, dass alle Gouverneure in den einzelnen Provinzen Ägyptens samt und sonders entweder dem Militär oder der Polizei entstammten. Von einer Macht-"Verteilung" kann also keine Rede sein. Sie versammelte sich fast vollständig geschlossen im ehernen Block des Militärs.

    Nach dem Militär als weitaus größtem Machthaber mit dem größten Potenzial nennt Rizq weitere Interessengruppen:

    Die effektiven Mitspieler in der politischen Szene Ägyptens sind das Militär, die Polizei und Wirtschaftsleute. In der nächsten Reihe sind die islamischen Bewegungen einschließlich der Muslimbruderschaft und die Salafisten, die Liberalen, die Intellektuellen, die Jugend, Christen und normale Bürger.

    Die normalen Bürger jedoch haben nach Gamal abd el-Nasser, dem kommunistischen Präsidenten, kaum noch eine gefahrfreie Chance erhalten, ihre Meinung zu äußern. Sie taten es denn auch nicht; bis kurz vor dem Ende der Mubarak'schen Macht war es beinahe unmöglich, ein offenes und ehrliches Wort mit einem Ägypter auf offener Straße zu wechseln.

    Die ägyptische Wirtschaft hat im Militär schon immer eher einen Partner als eine Gefahr gesehen und sich arrangiert. Wichtige Entscheidungen wurden ohne Zutun des Militärs nicht getroffen, Investitionen fanden nicht statt, wichtige Entwicklungen wurden nach Belieben des Militärs entweder unterbunden oder vorgenommen.

    Eine gewisse Zahl von Wirtschaftsmagnaten hat effektiv die Kontrolle über weite Teile der Wirtschaft.
    Die mit Abstand größten Teile der ägyptischen Presse, von der Zeitung bis zum Satellitenkanal, sind Eigentum dieser Tycoons und sie versuchen, die öffentliche Meinung direkt oder indirekt zu beeinflussen. Sie betonen Entwicklungen und Fortschritte, die ihre eigenen Interessen am besten unterstützen. Es ist völlig klar, dass dieser wirtschaftliche Faktor der weitaus wichtigste für die Interessengruppen darstellt.

    Der Fehler, so Rizq, den Mursi gemacht hatte, lag in seiner fatalen Fehleinschätzung der tatsächlichen Machtverhältnisse Ägyptens. Einer Bewegung entstammend, die seit Jahrzehnten unter massivem Verfolgungsdruck gestanden hatte, war sein Einblick in diese Machtverteilung mangelhaft und verstellt. Niemand aus der Bewegung der Muslimbrüder hatte je eine Chance, das Räderwerk zu durchblicken und in seiner Schlag- bzw. Wirkkraft richtig einzuschätzen.
    Vermutlich ohne es überhaupt zu wollen, trat Mursi mit seinen präsidentialen Entscheidungen sehr schnell vielen auf die Füße und ehe er sichs versah, stand er einer zwischenzeitlich zusammengerotteten Ballung aller Frustrierten gegenüber, die sich von ihren Pfründen und vollen Fleischtöpfen abgehängt sahen.

    Viele Projekte von Mursi hatten nicht nur ihre Berechtigung - sie waren auch seit Jahrzehnten überfällig und wollten starke Drücke von der Bevölkerung nehmen. Mursi aber hat diese Projekte angesichts der Seilschaften ungelenk begonnen. Manche Entscheidungen, prinzipiell unvermeidbar, dringend notwendig, stellten aber ein politisches Todesurteil dar. Dass der Präsident den Generalstaatsanwalt, einen schädlichen wie korrupten Speichellecker Mubaraks, als Problem erkannt und durch Entlassung beseitigt hatte, wusste er jedoch leider nicht um dessen Rückhalt beim Militär, bei Mubarak selbst und in der Wirtschaft. Unter dem Vorwurf, angeblich die Justiz abhängig machen zu wollen, rannte das halbe Land gegen Mursi an.
    Bestrebungen des Militärs, gegen jedes Gesetz, gegen jede Abmachung führende und unabhängige Posten in der neuen Regierung besetzen zu wollen, begegnete Mursi mit Härte und ultimativer Ablehnung. Das war eine unbedingt richtige, von der Sachlage erzwungene, politisch jedoch höchst problematische Position.

    Mit Ausnahme eines großen Teils der ägyptischen Bevölkerung, die Mursi wegen oder sogar trotz seiner bekennend islamischen Agenda gewählt hatte, begann unter dem Druck die Peripherie seiner Gefolgschaft zu bröckeln. Viele seiner Wähler, die ihre Hoffnungen auf ihn gesetzt hatten, weil sie einen (gemessen an der Vergangenheit!) radikalen Kurswechsel haben wollten, begannen zu zweifeln:

    Als er es nicht geschafft hatte, mit den Machthabern in der politischen Szene umzugehen, erlebte der Präsident Unstimmigkeiten und Konflikte mit der Armee, den Richtern, dem Innenministerium, einflussreichen Geschäftsleuten, Medienvertretern, Künstlern und Christen.

    Die eine Strömung beeinflusste und befeuerte die jeweils andere; herausgekommen war ein Konglomerat an Widerstand und offener Feindschaft.

    Die Bewegung hinter dem 30. Juni 2013, dem Tag des Umsturzes gegen Mursi, als er in fast allen Medien schwerstens kritisiert wurde, gewann an Dynamik. Viele Geschäftsleute begleiteten dies durch Satellitenkanäle und wollten den Präsidenten loswerden. Viele Leute dachten, dass Mursi nicht der Führer sei, der ein Land von der Größe Ägyptens führen könne.

    Am 30. Juni 2013 teilte sich das Land auf zwischen dem proislamischen Präsidenten und den meisten Einrichtungen des Landes, die von der Armee, den Liberalen, den Linken, politischen Parteien, normalen Bürgern und Christen geführt wurden. Durch die Macht der Armee und der Geschäftsleute wurde Mursi hilflos und sein Ende war nah. Die Unfähigkeit, die Machtfaktoren zu erkennen oder mit den Machthabern in einer politischen Umgebung umzugehen, wird definitiv jede politische Figur ans Ende ihrer Karriere bringen.

    Rizq blättert hier die Hintergründe des Versagens der ersten und für lange Zeit wohl letzten, tatsächlich demokratisch gewählten und agierenden Regierung Ägyptens auf. Was er uns hier nicht vorstellt, ist ein weiterer Fakt: die Andeutungen der Partei Mursis, der FJP, in dieser Zeit, es seien hier allerdings auch schädliche, ausländische Einflussfaktoren am Werk, wurde bespottet und als Schutzbehauptung für eigenes Versagen verhöhnt. Heute wissen wir, dass dem tatsächlich so war.
    Der Putsch des Militärs war von langer Hand vorbereitet worden; dass die plötzlich losbrechende, ungeheuer voluminöse Hilfeleistung arabischer Ölstaaten nach dem Putsch setzen eine längerfristige Planung voraus. Tausende von Tonnen Getreide, Benzin und aberwitzige Millionen- und Milliardensummen, die innerhalb weniger Tage nach dem Umsturz Ägyptens neue Machthaber erreichten, können unmöglich nach einer Schrecksekunde nach vollzogenem Putsch vereinbart und organisiert worden sein.
    Mit den Golfstaaten jedoch war die Liste derer, die der Putschist al-Sisi im Vorfeld zu gewinnen hatte, längst nicht abgearbeitet. In dem gleichen Spannungsfeld agieren die USA, auf vielfältigste Weise sowohl vertraglich als auch politisch mit den Saudis und mit den Israelis engagiert. Hätte es im Vorfeld keine geheim von dort getrommelte Zustimmung zum Umsturz gegeben, würde man sich nach dem Putsch nicht nach unzulässig kleiner Schweigeminute wieder auf volle diplomatische Zusammenarbeit mit Ägypten begeben haben.
    Und mit den USA und den Golfstaaten marschierte auch ein Land mit Namen Deutschland in einer Front gegen Mohammed Mursi; obschon ein Kredit in nennenswerter Höhe abgemacht und zugesagt worden war, sagte ein Dirk Niebel zu Beginn 2013 die Auszahlung mit dem Argument ab, man habe angeblich "Sorge um die Menschenrechte in Ägypten", was eine vollkommen haltlose Aussage war, die die argumentative Hilflosigkeit Deutschlands nur zu deutlich machte.

    Alle Genannten und Beteiligten hatten ein massives Interesse daran, die Regierung Mursi zu stürzen. Es wäre selbstverständlich allen möglich gewesen, die zugegebenermaßen unerfahrene Regierungspartei FJP mit leichter Hand auf Erfolgskurs zu bringen und zu halten. Es hätte dazu weder maßlose Anstrengungen oder Geldsummen bedurft; in vielen Fällen wäre eine aufmerksame Beratung vollkommen ausreichend gewesen.
    Aber jeder verfolgte eigene Interessen. Die Wirtschaftswelt Ägyptens agierte noch immer durch die alten Seilschaften eines Hosni Mubarak; sie sah sich durch dessen Sturz zur feindseligen Haltung Mursi gegenüber verpflichtet und strengte ihrerseits ihre Verbindungen in Justiz und Medien an. Es kam zu ganz gezielten Sabotageakten; geplante wie überfällige Investitionen unterblieben, Anlagen fielen in Reihe aus, die Arbeitslosigkeit verschärfte sich und die Brotsubvention drohte zusammenzubrechen. Die in Gang gesetzte Spirale begann sich schneller zu drehen; das Investitionsklima Ägyptens verschlechterte sich dadurch zusehends, immer weniger Mittel kamen ins Land, die Armut verschärfte sich binnen weniger Monate. Unter dem Dauerfeuer der Medien fand der einfache Bürger mit Mursi einen greifbaren Täter - und so marschierte er, indirekt auf zeitlich exakt eingeplanten Befehl der Armee, um Mursi zu stürzen.

    Vielen erscheint Ägypten heute ruhig und deshalb glauben viele, das Land sei zur Ruhe gekommen. Aber was wir erleben, ist nur die Stille des Schocks, der Trauer und des Leides; kaum ein Bürger glaubt noch heute, dass Ägypten nun besser regiert würde, aber ebenso wird sich heute wie damals kaum noch ein Bürger finden, der dies offen ausdrücken würde. Er liefe wie seinerzeit unter Mubarak konkret Gefahr, sofort verhaftet und inhaftiert zu werden, wobei der Ausgang einer solchen Haft höchst fraglich ist. Sie kann Wochen oder Jahre dauern, eine Anklage gibt es nur in den seltensten Fällen, grundsätzlich immer ist mit Prügel, meist aber mit schwerer Folter und sexuellem Missbrauch schwerster Art zu rechnen, die Gefängnisse sind verdreckte Rattenlöcher, anwaltliche Hilfe existiert nicht und nur selten erfahren Angehörige vom Verbleib der Vermissten.

    Kaum jemandem hilft heute die Erkenntnis, wie es zu dem Umsturz Ende Juni 2013 kommen konnte. Es sind vollendete Tatsachen geschaffen. Es gilt nur noch, die auf stellenweise puren Lügen basierenden "Wahrheiten", die heute seitens der Putschisten in die Welt kolportiert werden, immer und immer wieder als solche zu enttarnen. Es gilt nur noch, immer und immer wieder an die Bilder zu erinnern, die massenhaft auf offenen Straßen abgeknallte, unbewaffnete Demonstranten zeigen. Die Helikopter, aus welchen heraus Scharfschützen Demonstranten unterschiedslos in den Kopf geschossen haben - es gibt Dutzende, wenn nicht hunderte von Videos und Fotos davon.

    Gewiss: Mohammed Mursi war ein ungelenker, nicht sehr eleganter und gewandter Präsident. Es ist aber falsch, ihn als "Islamisten", als "Extremisten" brandmarken und ihm eine bösartige Absicht unterstellen zu wollen. Er hatte niemals die Absicht, einen vernagelten "Gottes"-Staat aus Ägypten zu machen und eine mittelalterliche Sharia einführen zu wollen.
    Er wäre, wenn man ihm nur ein wenig geholfen hätte, ein guter Präsident eines neuen Ägypten geworden und ihm hätte eines auf jeden Fall gelingen können: wenigstens einen unumkehrbaren Brückenschlag aus der dunklen Zeit der furchtbaren Diktatoren heraus hinein in eine moderne Zeit halbwegs demokratischer Regierungen zu machen.

  • Klopp? Klappe! Sonst Kloppe!

    Für die Überschrift habe ich mich zu einer phonetischen Spielerei hinreißen lassen. :D
    In Wahrheit sehe ich es nicht ganz so drastisch.

    Zugegeben: meine sehr angestrengten Versuche in früher Jugend, so wie alle Jungs Fußball gut und spannend zu finden, endeten alle erfolglos. Und ich hatte mich dafür gequält. Bilder und Texte von Fußballbildchen auswendiggelernt, kiloweise Kaugummi gekaut, weil die begehrte Tauschware in deren Verpackung steckte. Mit der Familie Spiele im TV gesehen - aber nichts half.
    Fußball ödete mich schon immer an.
    Und heute finde ich ihn sogar peinlich.
    Mit Millionen Euros zugeschüttete Jungs, die allerdings Haare an den Beinen und im Gesicht, und dazu auch noch ein kurzes Spielhöschen tragen und mit einem Bällchen auf dem Rasen spielen - das geht ja gaaaaa nich. :roll:

    Ich bin aber auch kein Spielverderber.
    Wer für sich harmloses Vergnügen aus dieser Art von Betätigung zieht, der mag das tun und er sollte das auch tun. Spaß zu haben macht ausgeglichen und unsere Welt fordert uns genug ab, damit wir ein berechtigtes Interesse daran haben müssen, ausgeglichen zu sein.
    Ich gönne mir ja selbst meine Spinnerei und stapfe mit Flitzebogen und Piekepfeilen durch Wälder, schieße auf Plastikfiguren und spiele, dass ich jagen würde. Klingt auch nicht viel erwachsener, finde ich.

    Aber hier wird es denn doch noch ernst: :roll:
    Fußball darf nach meiner Überzeugung einen bestimmten Rahmen nicht verlassen (wie mein eigener Sport auch nicht!) und ich halte es für ein Problem, wenn wegen der Demission eines Trainers alle erdenklichen Nachrichten, Berichterstattungen und persönliche Gespräche damit überflutet werden und andere, vordringliche und ernste Themen zuschwemmen.
    Es ist in Ordnung für mich zu wissen, dass Klopp den BvB verlässt, weil er befürchtet, nicht "mehr der perfekte Trainer" für den Verein zu sein. Mich ärgert das nicht - wenigstens verstehe ich dann, wovon die Rede ist, wenn sich Fußballfans unter meinen Kollegen mit dem Satz begrüßen: "Hey! Hastes schon gehört?"

    Ich übe milden, scherzgetränkten Spott gegen solche fußballbegeisterten Mitmenschen; manchmal liefere ich einen selbstironischen Scherz über meinen eigenen Sport gleich mit und breit grinsend kassiere ich solche Scherze auch vom Gegenüber.
    Es gibt aber eine Zeit, in welcher man sich von derart lässlichen Betätigungen recht zügig wieder wichtigen Themen zuwenden und seine persönliche Verantwortung für das Ganze wahrnehmen sollte. Wir durchleben momentan keine Zeit, in welcher man sich straflos mit kaum etwas anderem als dem Ballspielchen großer Jungs im Spielhöschen befassen (oder auch den eingebildeten "Robin Hoods" im Wald!) befassen dürfte.

    Das ist für mich die ärgerliche Komponente am Fußball.
    Einmal ganz abgesehen davon, dass ich die Idee, mit meinen Steuergeldern Hundertschaften von Polizei zu bezahlen, die total durchgeknallte "Fans" davon abhalten sollen, sich und ihre halbe Umwelt im Zorn oder aus Bock zu demolieren. Ich bin absolut davon überzeugt, dass der Fußball in Europa weitaus mehr Sach- und Personenschäden angerichtet hat als rechts- und linksradikaler zusammen mit islamistischem Terror. Wenn man alles zusammenzählen würde, erhielte man eine ansehnliche Liste von Toten, Verletzten, Verstümmelten, brennenden Autos, zerstörten Gebäuden.
    Da bin ich mal vor wenigen Jahren mit Kollegen zu einem hochbeachteten Fußballspiel gefahren. Wahrscheinlich sind meine Kollegen bis heute noch der Meinung, mich hätte sogar das Spiel selbst interessiert. B)
    Ich bin ja nun wirklich kein Spielverderber und fand die Erfahrung ungeheuer faszinierend. Mit soviel tausend Menschen hatte ich mich noch nie an einem Fleck befunden und die Begeisterung hat mich durchaus beeindruckt. Allerdings eben auch das Polizeiaufgebot, deren Kampfausrüstung, ihren unsicheren, stetig prüfenden Blick, die vielen Betrunkenen, die es vom Vorplatz kaum noch auf ihren Platz im Stadion schafften ohne schon kotzen zu müssen.
    Ich fand das ziemlich extrem - von den horrenden Kosten einmal abgesehen.

    Nun aber reichts mir wirklich. :lalala:
    Ärgerlich schalte ich Radio und TV um, wenn wieder ein Rentner auf seiner Parkbank erklären muss, weshalb er den Abschied von Klopp begrüßt oder verurteilt. Der für viele amüsante Fußball erhält in diesen Momenten eine wirklich unangemessene Bedeutung und er erstickt mit seinem medialen Gewicht weitaus Wichtigeres. Die Klopp'sche Meldung hängt wie erdrückender Nebel über jeder Berichterstattung und wenn jeder vierte Nachrichtensatz schon mit "Klopp", "Bochum" und "BvB" beginnt, hängt mir das Thema schon lange zum Halse heraus und ich finde meine Gutmütigkeit diesem Thema gegenüber etwas arg gestresst.

    Noch erbleicht niemand, wenn er mit jemandem zusammensteht, über Klopp spricht und mich kommen sieht und noch verstummen dann keine Gespräche - und wenn wir alle zusammen viel Glück haben, ebbt das "Problem Klopp" bald ab und es kommt auch gar nicht dazu.

    Toleranz, meine Freunde, ich rufe zur Toleranz und zum Minderheitenschutz auf.
    Es gibt sie noch, die Menschen, denen Fußball nichts bedeutet und deren Geduldsfaden arg angespannt wird.

    Wir werden uns über weit Dringlicheres unterhalten müssen. Über Bedeutenderes. Über etwas, was uns wirklich alle angeht oder doch angehen sollte.

    Über Bogenschießen zum Beispiel. :DD:DD

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