szmmctag

  • Jesiden, Shiiten, Sunniten .... wer ist hier "armes Opfer"?

    Die Vorgänge um den "Islamischen Staat" ("IS") brachten eine wahre Flut von Schreckensgeschichten um das Schicksal der Jesiden zutage und auch hier ersparen es uns alle Medien wie auch die Politik, sauberer als gehandhabt zu differenzieren. Schrille Schwarz-Weiß-Töne werden publiziert und vor allem die Filmaufnahmen einer jesidischen Familie aus Osnabrück, die zum Kampf gegen den "IS" aufgebrochen war, fielen samt und sonders eigentlich regelrechte widerlich aus.
    Alles Fragwürdige, Bizarre und vor allem nicht mit unserem Kulturkreis zu vereinbarende wurde schlicht und ergreifend ausgeblendet, aber dafür blendete man stimmungsvolle Bilder eines "der Löwe" genannten Schnauzbärtigen ein und ließ ihn ohne jedes Hinterfragen vor der Kamera agieren.

    Um es vollkommen klar vorwegzuschicken: die Angriffe eines "IS" oder sonstiger Leute auf Jesiden aufgrund ihres Glaubens sind selbstverständlich abzulehnen - ein Angriffskrieg kann nie ein Weg sein, die Welt besser zu machen.

    Jesiden pflegen völlig selbstverständlich und ohne je dafür kritisiert worden zu sein in unserer Mitte eine sogar recht harsche Form der Zwangsehe; selbst konservative Muslime sind als Eltern einigungsbereiter als Jesiden. Sie verbieten jedwede Verbindung mit Nichtjesiden kategorisch und schrecken selbstverständlich auch vor ("Ehren-") Morden nicht zurück.
    Spirituell müssen Muslime Jesiden als "Feueranbeter" betrachten, so wie es uns der Qur'an al-karim vorgibt. Islamische Gebetszeiten vermeiden bewußt Zeitpunkte für ein Gebet, die gerade diese "Feueranbeter" für sich wählen. Aber auch all das kann niemals Grund dafür sein, sie zu attackieren und reihenweise umzubringen.
    Ich behaupte, dass Jesiden ein wesentlich kantigerer, schärferer und zu kontrollierender Fremdkörper in unserer Gesellschaft sind als Muslime, die sich zudem seit Jahren in überwältigender Anzahl auf der Welt auf den Weg machen, ihren Glauben mit der modernen Zeit zu versöhnen.

    Wie gehe ich mit Jesiden um? :roll:

    Gar nicht.
    Allerdings einzig und allein aus dem Grunde, dass ich keinen persönlich kenne und demzufolge gar keinen Umgang mit ihnen habe. Träfe ich auf einen und würde ihn als ähnlich gläubig betrachten wie mich selbst, so begegnete ich ihm sehr bewußt auf einer "staatsbürgerlichen", ja "offiziellen" Ebene und löste auch an ihm selbstverständlich meine als Deutscher und muslimischer Deutscher Verpflichtung ein: von meiner Seite aus erführe er keinesfalls Hindernisse, Angriffe, Herabwürdigungen - nur etwa, weil er Jeside wäre. Natürlich würde ich eine alte, jesidische Dame bei Bedarf über die Straße geleiten oder einem Jesiden (wenn ich ihn denn als solchen erkennte) bei einer Autopanne oder sonstiger, akuter Notlage etwa helfen. Ja - ich würde ihn sogar auf der Straße gegen Muslime verteidigen, wenn sie ihn wegen seines Glaubens angreifen würden.
    Er sollte allerdings nicht den Fehler begehen, sich mit mir im Gespräch auf eine religiöse Ebene zu begeben.

    Jesiden aber sind definitiv keine "ärmeren Opfer" als Muslime, von denen mittlerweile Millionen durch westliche Waffen zerrissen worden sind. Wenn man uns Muslime als angeblich "rückständig" betrachtet, dann träfe Jesiden völlig zu Recht der Vorwurf, sich starrsinnig und verstockt steinzeitlich zu verhalten.

    Auch die derzeit von Saudi-Arabien in einer m.E. völlig überzogenen und übereilten Militäraktion im Jemen angegriffenen Shiiten sind keine "armen Opfer".
    Ich habe es schon vor vielen Jahren registriert und genauer beschrieben; man kann nicht viel Gutes über Hosni Mubarak, den gestürzten Präsidenten Ägyptens berichten - eines aber eben doch: vor weit mehr als zehn Jahren führte er völlig richtig Klage vor der Arabischen Liga gegen den Iran, der tausende und abertausende fanatische Emissäre mit Verbindungen und viel Geld ausstattete und in die Welt entsendete um einerseits überall gezielt für Destabilisierung und andererseits für eine dramatische Ausweitung iranischen Einflussess zu sorgen. Die Rechnung war aufgegangen und Ägypten zahlte recht früh einen recht hohen Preis für diese Strategie.
    Die Arabische Liga aber konzentrierte sich damals wie heute viel lieber auf lukrative Geschäfte (nötigenfalls mit dem Teufel, Hauptsache der Rubel rollte!) und blendete die gefährliche Strategie Irans einfach aus.
    Heute zahlt die gesamte Region die blutige Zeche dafür und weit mehr als nur ein Staat ächzt unter shiitischen Maden, die sich in ihre Substanz fressen. Die Ajatollahs Irans haben aus dem Islam eine hinterlistige, furchtbare und tödliche Waffe gemacht - der Glaube der Shiiten selbst ist nicht weniger rein, nicht weniger freundlich wie friedlich wie der sunnitische.
    Manchmal gilt sogar das Gegenteil, wie ich selbst erfahren durfte: selbst sehr einfache Shiiten, die kaum mehr als ihren Glauben und nur wenig Allgemeinbildung haben, überzeugen durch tiefe Weisheit und wahrhaft vollendete Freundlichkeit. Aggressionen gegen andere sind ihnen völlig fremd, sie reagieren eher mit Heiterkeit und Staunen als mit Wut oder Hass.

    Nun kommt es zu tatsächlich sehr seltsamen Konstellationen; Saudi-Arabien, der Folter- und Verstümmelungsstaat, der selbst geringfügig abweichende Meinungen mit jahrzehntelanger Haft und blutigen Auspeitschungen ahndet, schwingt sich zum Kampf gegen jemenitische Huthi-Rebellen auf. Ich selbst wäre jedem Shiiten spirituell und womöglich rein menschlich immer ganz erheblich näher als jedem Wahhabiten Saudi-Arabiens - denn dort pflegt man einen für mich erschreckenden und schrecklichen Islam.

    Und wieder einmal kommen alle bisher als gefestigt geglaubte Informationen und Beurteilungen ins Wanken: nein, weder Jesiden noch Shiiten sind "arme Opfer"; die weitaus meisten von ihnen sind ganz ähnlich wie radikalisierte Sunniten "nur" Opfer hysterischer wie machtgeiler Politiker, die sich religiöse Agenden nur zur Tarnung wie ein Mäntelchen umhängen.
    Und wieder einmal liegt die Last all dieser Ereignisse auf den Schultern der einfachen Menschen auf der Straße, denn die sind es, die mit Leib und Leben für all das zu büßen haben.

    Es ist aber nach meiner festen Überzeugung die Aufgabe der Bürger eines Einwanderungslandes wie Deutschland, sich um die Befindlichkeiten ihrer neuen Bürger zu bekümmern - der Begriff "Willkommenskultur", nicht im Ansatz umgesetzt, verhungert sowieso auf halber Strecke, weil er bei weitem nicht ausreicht.
    Ich erwarte und verlange von allen Deutschen, dass sie zumindest um die wichtigsten Inhalte wissen, die Einwanderer mit sich führen und die sie hier ja auch umsetzen können, dürfen und auch wollen.

    Zugegeben: sich als "Bio-Deutscher" mit dieser Aufgabe des Lernens hinsetzen zu wollen ist bei weitem nicht so lustvoll wie das Verfolgen einer Bundesliga. Sich als solcher Deutscher aber naserümpfend von Migranten abzuwenden und sich auf eine Bundesliga zu konzentrieren, spricht von Ignoranz und unglaublicher Dummheit wie Überheblichkeit.
    Das Ausblenden oder das einfache Negieren dieser Aufgabe bremst nichts, es verhindert nichts, es macht nichts besser. Es leben viele Jesiden, Shiiten und Sunniten unter uns und sie schauen uns an. Sie stehen in der Schlange im Supermarkt vor uns, sie erhalten Förderungen, sie bauen Moscheen oder sonstige Gebetsräume, sie feiern ihre Feste und es gibt immer mehr und immer mehr von ihnen. Sie stehen am Fließband neben uns, sie breiten ihre Picknick-Decke auf dem Rasen neben uns aus, aus unseren Nachbarwohnungen schallt ihre Musik und aus ihren Küchenfenstern der Duft ihrer Speisen.
    Sie sind da.
    Und sie sind beileibe keine "armen Opfer".

    Sie sind Deutsche.

  • A320 - Absturz über den Alpen: Acht Minuten!

    Aus guten Gründen habe ich einen Kloß im Hals, immer wenn ich von Unfällen in der Luftfahrt höre.

    Anfang 2000 war ich selbst Passagier einer plötzlich in der Luft havarierten Maschine, die sich nur mit knapper Not zum Flughafen Leonardo da Vinci in Italien retten konnte. Die näheren Umstände habe ich hier bereits geschildert und mit allen Daten und Fakten versehen, die ich vor meinem eigenen Vergessen bewahren wollte.
    Für uns Passagiere endete der Vorfall seinerzeit nach kaum mehr als zwei Minuten, in der wir auf unseren Sitzen aufgrund der sehr plötzlich eintretenden "Schieflage" realisierten und sofort verstehen konnten, dass uns ein Crash unmittelbar bevorstand. Nur die Erfahrung, der Mut des Flugkapitäns und sein spontanes wie beherztes Eingreifen konnte verhindern, dass wir in die Hügel Roms krachten. In buchstäblich letztem Augenblick stabilisierte unser Flugzeug wenigstens schon mal seinen Flug - das Unglück war abgewendet.

    Vielleicht macht es das von mir Erlebte plausibler, dass meine Gedanken bei den Opfern dieses neuerlichen Unglücks sind.
    Sofern sich kein irreperabler Druckabfall zusammen mit sofort eintretender Bewusstlosigkeit ereignet hatte, mussten die Passagiere unendliche acht Minuten miterleben, wie sich ihr Flugzeug dem Bergmassiv zuneigte und unaufhaltsam Kurs auf ihr Ende nahm.

    Mein damaliger Absturz war nach vielleicht dreißig oder schlimmstenfalls vierzig Sekunden bewältigt, während derer wir tausende Meter Flughöhe verloren hatten. Ich erinnere mich als wäre es gestern gewesen, wie rasend schnell die Monitore in der Passagierkabine die Höhe zurückzählte und mir blieben nur sehr wenige Augenblicke zu realisieren, was gerade vor sich ging.

    Die Passagiere der jetzt abgestürzten Maschine jedoch hatten quälend lange acht Minuten; jeder mit auch nur sehr wenig Flugerfahrung musste zwingend recht schnell verstanden haben, dass ein Zwischenfall zu befürchten war - denn angesichts der in der Kabine über Monitore zur Verfügung gestellten Karten- und Flugdaten musste sehr schnell klar werden, dass ein Sinkflug in diesem Gebiet absolut fatal sein musste und auf keinen Fall normal sein konnte.

    Acht Minuten.

    Uns wurde damals ein spontaner Schock erspart, weil sich die Ereignisse auf wenige Augenblicke zusammenzogen. Wir konnten das Ausmaß unseres Zwischenfalls erst realisieren, als der Kapitän bereits eines der Triebwerke nachzuzünden versuchte (was nicht gelang und uns auch wegen weiterer Schäden zur Notlandung zwang). Mir blieb, als ich verstand, was vor sich ging, nur noch Zeit, einen letzten, nur wenig erhabenen Gedanken zu fassen als ich die Ziegen auf den Hügeln Roms weiden sah - wir "schmirgelten" damals nur in wenigen hundert Metern über der Erde entlang.
    Der Gedanke war: "Jetzt hast Du Deinen letzten Köttel geschissen, Alter."

    Das waren aber nur Momente, Sekunden, Augenblicke - und keine acht Minuten.

    Unser Tod damals wäre im Vergleich zu den jetzt Verunglückten ein äußerst gnädiger gewesen; wir wären alle tot gewesen, noch bevor wir verstehen konnten, was eigentlich gerade passiert. Erst viele Stunden später, als wir in Ostia improvisiert in ein Hotel verfrachtet worden waren, brach sich der Schock bei vielen Bahn und von den mehr als 300 Passagieren brachen im Speisesaal Dutzende in haltloses, lautes Schluchzen aus.

    Noch einmal - weil ich es für den wahrhaft grauenvollsten Aspekt des Unglücks halte: jeder Passagier der GermanWings-Maschine, der häufiger als nur einmal mit einem Flugzeug geflogen war, musste sehr schnell nach Einleiten des Sinkflugs begriffen haben, dass etwas nicht stimmte. Binnen weniger Augenblicke musste sich das Verstehen dessen in der Passagierkabine Bahn gebrochen haben und durch alle Sitzreihen gekrochen sein. Ich vermag mir nicht ansatzweise auszudenken, was sich da in den Herzen und Köpfen der Menschen abgespielt haben musste.
    Zwei, drei Minuten nach Beginn des Sinkens lag die Bedrohung jenseits der abstrakten Monitor- und Datenabstraktheit bei einem kurzen Blick aus dem Fenster ganz offen zutage: ein Bergmassiv, dem sich das Flugzeug unaufhaltsam näherte. Für jeden sichtbar, überwältigend, drohend uns spätestens zwei, drei Minuten vor dem Aufprall musste den Leuten klar geworden sein, was geschehen würde.

    Vor vielen Jahren geriet eine japanische Maschine in eine ähnliche Situation; sie flog eine geraume Zeit in erschreckend stabiler Fluglage ihrem Ende zu. Überliefert sind letzte Telefonate der Passagiere mit ihren Familien zuhause, die ihren bevorstehenden und unabwendbaren Tod erkannten uns sich verabschiedeten. Nach japanischer Gepflogenheit verfassten einige von ihnen ihre Todesgedichte, schrieben in der Hoffnung, dass sie nicht verbrennen oder zerrissen würden, noch Abschiedsbriefe - einen schlimmeren Horror kann ich mir kaum vorstellen und solches übertrifft bei Weitem das von mir Erlebte.

    Möglicherweise war die Ursache für das Unglück erschreckend profan; vielleicht war irgendein blödes Schräubchen gebrochen, irgendein Ventilchen unzulässigerweise geschlossen, wir werden es unter Umständen noch erfahren. Es war vermutungsweise eine von zehn, fünfzehn Unfallursachen von tausenden, die man längst erkannt und als Gefahrenquelle beseitigt hatte.

    Für mich bleibt ein echtes Mit-Leid mit den Passagieren neben dem maßlosen Schrecken, den die Angehörigen erlitten haben, als sie am Flughafen erkennen mussten, dass es kein fröhliches Zusammentreffen geben würde und dass eine unvorstellbare Leere eintreten würde, wo angeregtes Plaudern über das in Spanien Erlebte hätte herrschen müssen........

  • Filmkritik: "Exodus. König und Götter"

    Wenn ein religiöser Mensch den Begriff "Exodus" hört, dann entzündet sich ein ganzes Kaleidoskop an Bildern in seinem Kopf; ist er zugleich Cineast, dann assoziiert er selbstverständlich sofort Cecille B. de Milles "Die zehn Gebote"

    Angesichts dessen, was man heute historisch belegen und filmisch umsetzen kann, habe ich mir den neuen Kinofilm "Exodus" angesehen und war durchaus neugierig. Immerhin handelt es sch um einen ebenso schwierigen wie hochanspruchsvollen Stoff.

    Mit einer ganz ähnlichen Grundhaltung hatte ich mir schon letztes Jahr "Noah" angesehen - und wurde bitter enttäuscht, weil der Film in Grotesken, Unsinnigkeiten und verrenkten, comicartigen Sequenzen versank und seiner Hauptrolle, Russel Crowe, durchaus zur Peinlichkeit geriet, die er ganz sicherlich vergessen möchte.
    Allerdings teilt auch "Exodus" dieses Schicksal und mir will nicht in den Kopf, weshalb ein grandioser Darsteller wie Ben Kingsley mit diesem Film den bisher tadellosen Ruf seiner künstlerische Laufbahn riskieren konnte.

    Der Film weiß nicht, wohin und was er will - er genügt keinem einzigen Anspruch. Würde er die Bibel zum Inhalt haben wollen, dann ist die in Grundzügen angerissene Schlacht bei Qaddesh etwa vollkommen obsolet, ja eher ärgerlich, weil historisch vollkommen falsch dargestellt. Wollte er sich der seit der de Mille'schen Version deutlich verdichteten Faktenlae widmen, so hat er auch in dieser Disziplin durchaus jämmerlich versagt.

    Diverse Fehler geraten ganz extrem ärgerlich; sehr viele Totalaufnahmen zeigen, historisch haarsträubend falsch, immer wieder Pyramiden und vermitteln so den Eindruck, das ganze Land sei mit ihnen buchstäblich vollgeknallt gewesen.
    Was zu loben ist, wäre die sonstige Ausstattung samt der Kostüme, Streitwagen etwa und der Gesamteindruck der Architektur. Zwar strotzt auch letztere vor Fehlern, die ich jedoch insgesamt für verzeihbar halte.

    Der Protagonist, Christian Bale in der Rolle des Moses, ist zwar Opfer eines recht untalentierten Regisseurs, wirkt jedoch in seiner gesamten Präsenz und macht seine Sache trotz allem vergleichsweise gut. Ben Kingsley als einer der Ältesten der Hebräer hatte nicht viel Text zu bewältigen und blieb insgesamt eher farblos.

    Joel Edgerton in der Rolle des Ramses ist eine komplette Fehlbesetzung. Obschon auch er Opfer einer ganz miserablen Dialogregie als auch des Regisseurs im Allgemeinen ist, präsentiert er das Bild eines pubertären Quenglers, der hilf- wie ratlos durch die Handlung stolpert.
    Weder genügt er der Schilderung der Bibel, noch irgendeinem historischen Kontext. In einer Szene steht er am Sterbebett seines Vaters und glotzt vor sich hinkauend in die Gegend - er ähnelt hier einem dummen Teenager eher als einem gebildeten Pharao. Die im Film produzierte Charakterisierung ist ein totaler Fehlschlag; man findet auch keine Begründung in der Dramaturgie des Films, die eine leicht "verschobene" Darstellung des Ramses verzeihlich hätte gestalten können.

    Da sehne ich mich nach dem guten, alten Yul Brynner, der in de Milles "Zehn Gebote" den Ramses geben durfte und dies ganz besonders überzeugend tat. Brynners Wuchs, Blick, Rede und Handlung passten einerseits hervorragend zur Bibel und andererseits auch zur historischen Person des Ramses, der ein entschiedener, höchst gebildeter, wenn auch impulsiver Mensch gewesen ist.

    Auch die Plagen haben sicherlich ungeheure Summen verschlungen und dabei auf extrem fragwürdige Effekte gesetzt. Ob der "Erklärung" des Films in Bezug auf das rote Wasser des Nils, die man in einem Rudel rasender Krokodile fand, schüttelt man nur noch den Kopf und fragt sich, was Scott vorher geraucht, geschnupft oder gespritzt haben mochte.
    An dem Film erschien mir gar nichts wirklich "ägyptisch" und alle Aufnahmen vom Land nährten in mir diesen Verdacht. Eine kurze Recherche später wusste ich, dass keine einzige Aufnahme im Land selbst gemacht worden ist. Ich hatte es geahnt: kaum irgendetwas hat mich an Ägypten erinnert, noch nicht einmal der Nil wirkte wie "der" Nil.

    Schlussendlich haben wir es mit einem desaströs zusammengemixten Unterhaltungsspektakel ohne jeden weiteren Wert zu tun. Wer mit dem Qur'an, der Bibel und / oder mit Ägypten irgendwie zu tun hat, sollte den Film in jedem Fall meiden um sich vor maßloser Enttäuschung zu schützen.
    Der Film wirkt, als wollte jemand demonstrieren, wie wenig man mit soviel Geld würde erzielen können und als habe Scott heimlich mit Freunden gewettet dass es ihm gelingen würde, in einem seiner Filme wirklich jede einzelne Szene schräg, unglaubhaft und ärgerlich verzerrt hinzubekommen. Er würde diese Wette fraglos gewonnen haben.

    Schade - da ich eigentlich an das Medium Film glaube, wenn man vielen Menschen von einer bestimmten Angelegenheit, einer Geschichte einen tragfähigen, unterhaltsamen und gleichzeitig informativen Eindruck zu gewähren, so wie es de Mille gelungen war. Weit mehr als 75 Prozent des gesamten Films sind gründlich misslungen.
    Das ist ein niederschmetterndes Urteil, was die Machwerke "Noah" und "300" mit diesem "Exodus" vereint. Insgesamt wurden für diese filmischen Pamphlete hunderte von Millionen Dollar verschleudert - und haben dafür nichts geleistet.

  • Israel - Krieg als Mittel der Innenpolitik

    Spätestens seit Macchiavelli haben Aristokraten und sonstige Politiker recht gut verstanden, wie man Schwierigkeiten im Innenverhältnis lösen kann, ohne konkret daran arbeiten und womöglich gar eingestrichene Gewinne wieder abgeben zu müssen. Das Geheimnis ist keines: man zettele einfach einen hübschen Krieg an. Im Optimalfall positioniert man sich vorbereitend als "armes Opfer", als Verfolgter, als Gedemütigter und Zurückgestoßener - und schon wird sich die gebeutelte und geschundene Bevölkerung unter dem Banner des gerade Regierenden versammeln.

    Die innenpolitischen Probleme Israels wachsen sich seit weit mehr als einem halben Jahrzehnt aus und intensivieren sich. Immer größere, soziale Ungerechtigkeiten konnten sich manifestieren und bisher verspürte noch keine israelische Regierung größere Lust, diese Probleme anzugehen - geschweige denn, zu lösen.

    (Zitat aus "alSharq.de")

    Bereits 2011 und 2012 wurde dort und anderenorts in Israel gegen zu hohe Lebenshaltungskosten, zu wenige Sozialstaatsleistungen und zu hohe Mieten demonstriert. Bis zu 800.000 Menschen gingen auf die Straße, um für eine neue Politik zu kämpfen.

    Geschehen ist in Israel gar nichts - wenn man von der ausufernden Aggression gegen die gesamte Nachbarschaft Israels einmal absieht. Um den aggressiven Kurs im jeweiligen Außenverhältnis zu stützen, musste Israel in den Ausbau seines Militärs, dessen Auf- bzw. Ausrüstung, in den Bau des gigantischen Grenzzaunes ungeheure Summen investieren. Bisher ist die Rechnung noch aufgegangen; Netanjahu konnte in den zurückliegenden Jahren mit seinem Stil der Schreierei, der Halb- und Unwahrheiten und seiner nachhaltigen Provokationen zu allen Seiten die israelische Bevölkerung noch mehrheitlich unter seine Fahne versammeln. Bisher fand er für seine Kriegs- und Vernichtungsfeldzüge noch ausreichend Unterstützung, auch wenn er ein Anwachsen von Kritik an diesem Kurs in Israel nicht mehr übersehen kann.

    Der israelische Aktivist Shay Cohen, der bereits vor Jahren Proteste gegen die Sozialpolitik seines Landes initiiert hatte, ruft auch heute wieder zur Errichtung einer Zeltstadt auf, die die Wohnungsnot demonstrativ thematisieren soll:

    „Wir brauchen wirklich alle eine Revolution in unserem Denken und in unserer Sozial- und Wirtschaftspolitik“,

    befindet er, fügt jedoch gleich hinzu:

    „Nichts hat sich seit 2011 geändert, außer dass die Wohnungskosten explodiert sind“

    Netanjahu hat bisher beinah alles auf eine einzige Karte gesetzt: alle erreichbaren und verfügbaren Mittel werden in seine Expansionspolitik gesteckt - und eben nicht in sozial wichtige, ja unverzichtbare Projekte. Mit seiner extremistischen Agenda will er im Westjordanland rechtzeitig massive Geländegewinne für Israel erreichen, bevor der Ruf nach einer palästinensischen Staatsgründung unüberhörbar wird und weitere Siedlungsausbauten bzw. -Gründungen unmöglich machen. Ihm geht es um die israelische Vorherrschaft in der gesamten Region, territoriale Dominanz und dafür stößt er in jedes Horn, welches ihm Solidarität von jeder erreichbaren Seite verspricht. Er bedient religiös extremistische, rassistische bis hin zu faschistischen Bedürfnissen oder eben Träume, um sein Ziel zu erreichen.
    Im Wesentlichen ist Strategie hierfür recht gerissen angelegt: eigentlich hätten die USA mindestens erstaunt, in jedem Fall aber empört auf Netanjahus Ausruf, Israel sei angeblich ein "jüdischer Staat", reagieren müssen. Der Erfolg aber gibt ihm Recht: kein Sterbenswörtchen an Kritik wurde laut.

    Cohen befindet sich auf dem Holzweg:

    Es sei kaum zu glauben, dass Benjamin Netanjahu sich einer Wiederwahl stellt, ohne eine Wohnungsbauagenda zu haben, oder einer Plan wie die Kosten für Wohnungen gesenkt werden können.

    ... denn er realisiert nicht, was vermutlich wirklich von außen und als Unbeteiligter wesentlich leichter erkennbar ist: seine Regierung hat derzeit keine Lust, den außenpolitischen Spannungsbogen abfallen zu lassen und daher ignoriert sie die Bedürfnislage ihrer Bürger. Netanjahus Agenda für den Wahlkampf ist eine vollkommen andere - und hat mit innerisraelischen Verhältnissen nicht das Geringste zu tun.
    Er riskiert sehr viel lieber breitflächige Vernichtungen mit nicht weniger als hunderttausenden von Toten, indem er nach wie vor und mit dem exakt gleichen Lügengebäude einen Krieg gegen Iran herbeihetzen will. Da ist kein Platz für eine Wohnungsbaufrage, keine Zeit für soziale Schieflagen im Inland und keine Motivation für schwerst pessimistische Ausblicke in die wirtschaftliche Zukunft Israels.

    Anhand einer politischen Petitesse, mit der Netanjahu aus den Pariser Morden Kapital für sich schlagen wollte indem er die Juden Frankreichs zur Ausreise nach Israel aufrief, kann man leicht erkennen, wie weit bereits heute die Bedürfnisse der Regierung Israels und ihrer Bevölkerung auseinanderklaffen:

    Mit dabei zwischen den Zelten ist auch Naor Narkis. Der 26-jährige Tel Aviver wurde letztes Jahr bekannt, als er seine Landsleute zum Umzug nach Berlin aufrief.

    Es könnte beinah lustig sein: Netanjahu will Juden nach Israel holen während seine israelischen Kritiker einen Weggang aus Israel propagieren!

    Israel steuert einen zumindest mittelfristig durchaus gefährlichen Kurs in der Innenpolitik: es wird weiter anwachsende Spannungen, immer größere Differenzen zwischen den Zielvorstellungen der Regierung und den Bedürfnislagen der Bevölkerung geben - ob sich dies Lücken oder gar Löcher noch durch einen herbeibemühten Krieg werden füllen lassen, in dessen Folge spontan entstehende Solidarität den Platz politischer Ressentiments der Gegenwart einnehmen könnte, halte ich persönlich für fraglich.

  • Singapur - Stockschläge für dumme Jungs

    In meinem Heimatort fließt ein Flüsschen knapp an der Altstadt vorbei. Darüber spannt sich eine Brücke, die von nur wenig Autoverkehr, allerdings von vielen Fußgängern genutzt wird. Es könnte so malerisch sein, denn man hat einen hübschen Blick vom Beginn der Brücke auf das Innenstädtchen.
    Eigentlich.

    Unser Stadtrat, oder vielleicht besser: Städtchenrat, griff in die glücklicherweise nicht allzu sehr angestrengte Stadtkasse und gönnte den Bürgern einen üppigen Blumenschmuck, der in Kästen an das Geländer der Brücke angebracht wurde.
    "Och. Wie hübsch." dachte ich und gleich darauf: "Na. Die paar Euro Steuergeld habe ich dafür ganz gern hingelegt."
    Eigentlich.

    Nach weniger als 24 Stunden war das alles ausgestanden.
    Irgendwelche Vandalen hatten natürlich sehr schnell in der darauffolgenden Nacht alle Kästen aus ihren Halterungen gerissen und in den Fluss fallen lassen. Ich gebe zu, dass ich die Schuldigen ganz gern einmal getroffen hätte. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit und mit der flachen Hand ins Gesicht.

    Im Nachbarort erwachten vor etwa eineinhalb Jahren die Anwohner einer Straße und trauten ihren Augen nicht, als sie ihr Haus verließen und sich selbiges genauer ansahen: über eine Strecke von mehreren hundert Metern waren sämtliche Häuser mit sehr hartnäckiger, schwarzer Sprayfarbe besudelt. Der angerichtete Schaden sprang in fünfstellige Höhe. Man fasste nur wenig später einen Jugendlichen, der irgendwie enttarnt werden konnte. Auch diesen Jugendlichen hätte ich ganz gern einmal getroffen. Man verdonnerte ihn, eigenhändig den Schaden dort zu beseitigen, wo es möglich war und den Rest zu bezahlen. Er putzt und zahlt bis heute.

    Vor einigen Jahren besaß ich einen Traum von Auto. Es war ein alter Mercedes in gehobener Ausstattung mit makellosem, taubenblauen Metalliclack. Sonst überhaupt kein Freak, putzte und polierte ich den Wagen regelmäßig und liebevoll; irgendwie hatte er eine im Grunde unbekannte Leidenschaft in mir geweckt und er machte mir großes Vergnügen. Eines Morgens trat ich aus dem Haus und fand, dass ein freundlicher Mitbürger aus Jux und Dollerei den Stern auf der Haube abgebrochen hatte. Zugegeben: das hat mir einen Stich versetzt.
    Durch dummen Zufall outete sich der Täter in der Nachbarklasse meines Sohnes selbst und prahlte mit dem angerichteten Schaden. Kurzerhand schloss ich mich mit dem Vater des Jüngelchen kurz und selbigen Tages erschien es zusammen mit Papa zerknirscht an meiner Haustür. Er überreichte mir einen neuen Stern, eine Flasche Schampus und wirkte tief zerknirscht. So, wie ich den Vater einschätze, wird dieser seinen Sohn nicht ausschließlich verbal auf das Verwerfliche seiner Tat aufmerksam gemacht haben. Das fand ich ganz in Ordnung so.

    (Zitat: SPIEGEL-Online)

    Zwei Leipziger mussten sich in Singapur wegen Graffiti-Sprühens vor Gericht verantworten. Sie wurden jeweils zu neun Monaten Haft und drei Stockschlägen verurteilt. Die beiden hätten ihr Vergehen vorsätzlich begangen und den Tatort vorher ausgespäht, sagte Richter Liew Thiam Leng.

    Nun wüsste ich nicht zu sagen, was an dem Urteil nun überzogen oder übertrieben hart wäre; die Justiz Singapurs folgt den Bedürfnissen der Menschen nach einer gewissen Sauberkeit und Ordnung und weiß diese auch durchzusetzen. Es setzt schon mal auf offener Straße einen saftigen Stockhieb der dortigen Polizei für ein fortgeworfenes Kaugummi.

    "Dies ist die dunkelste Episode in meinem Leben", sagte der Ältere vor Gericht. "Ich ärgere mich wegen dieser dummen Tat über mich selbst." Der Jüngere sagte: "Ich verspreche, nie wieder so etwas zu tun. Ich muss mich nicht nur bei Ihnen, sondern auch bei meiner Familie entschuldigen, die ich so beschämt habe."

    Ich wage die Behauptung: hätte man die Täter gefasst und mit einer Warnung, jedoch ohne jede empfindliche Strafe davonkommen lassen, wäre die oben beschriebene Erkenntnisgewinnung darüber, was man wirklich nicht tun sollte, vollständig ausgeblieben und es würde nur ein breites Grinsen zusammen mit einem Stinkefinger gegeben haben.
    So wie ich davon absolut überzeugt bin, dass das Jüngelchen, welches mein Auto ramponiert hatte, sicherlich aufgrund einer Ohrfeige seines Vaters fortan von solchem Tun gelassen haben wird.

    Was ist das Fazit? |-|

    Man betrachte Fotos und Videos aus Singapur - und man betrachte welche aus unseren (Groß-) Städten und stelle selbst Vergleiche an.

    Graffiti-Sprühen gilt in Singapur als schweres Vergehen. Der Stadtstaat legt viel Wert auf Disziplin, Ordnung und vor allem Sauberkeit.

    Nun würde ich etwa einem Dortmunder Ratsmitglied immer unterstellen, dass er sich eine saubere Innenstadt wünschen und "viel Wert" darauf legen würde. Angesichts der Zerstörungen und Besudelungen im öffentlichen Raum aber wird er mutlos die Schultern hängen lassen und höchstens enttäuscht seufzen. Und auch dem Bürgermeister meines Heimatstädtchens unterstelle ich, dass ihm der Anblick des zerstörten Blumenschmucks gleichermaßen einen Stich versetzt hatte wie der Anblick meines Autos damals mir.
    Daran liegt es nicht; Deutsche sind ja generell keine achtlosen und gleichgültigen Schweine. Sie rutschen auf Knien und schneiden ihren Vorgartenrasen mit einer Nagelschere, kaum ein Putzmittel kann zu teuer sein und sie investieren viel Geld, Herz und Zeit in ihren privaten (Wohn-) Raum.

    Da wir aber zu Extremen neigen und auch zur Hysterie, verbieten wir uns grundsätzlich immer alle Körperstrafen - aber das halten wir dann erstaunlicherweise für "Kultur". Ich nenne es Dummheit.
    Hier geht es nicht ums Windelweichprügeln, um ein nachhaltiges, körperliches Verletzen oder Verstümmeln, hier muss sich unsere Gesellschaft fragen, was das rechte Maß und Mittel sein könnte. In England besitzt eine Schule bereits von der Regierung eine Genehmigung, mit Zustimmung der Eltern zur Maßregelung von Schülern auch Schläge einsetzen zu dürfen. Als der Betrieb aufgenommen wurde, gab es nur einen kurzen Moment verhaltener Kritik; die Administration jedenfalls konnte sich vor Aufnahmeanträgen kaum retten.

  • Israel ./. USA - Danke, Netanjahu!

    Der Verrückte aus Israel hat seit einiger Zeit damit aufgehört, verständliche, nachvollziehbare Politik zu betreiben und er setzt zunehmend auf billige Schreierei und Kreischerei zugunsten kurzfristiger Effekte in seinem Land.

    Im Grunde ist das gut so und deutlich zu begrüßen.

    Am Beispiel Hitler dürfte erkennbar sein, wenn denn die Welt gelernt hat, an welchem Punkt die Radikalisierung eines Staates angekommen ist, wenn bestimmte, rhetorische Merkmale in den Reden ihrer Führer auftauchen.
    Vor zwei Jahren etwa hatte Netanjahu mit seiner Kreischerei einen neuen Höhepunkt erklommen, als er mit einem schwachsinnigen wie sachlich zusammengelogenen Bildchen eine UN-Versammlung belästigte. Sein eigener Geheimdienst wies ihm die Fälschung und Lüge nach und entlarvte die "Rede" Netanjahus als das, was sie war: regelrecht dumme Hetze, weil er einen Krieg vom Zaun brechen wollte.

    Zugegeben: Iran ist nach wie vor nur mit spitzen Zangen anzufassen und er ist fähig dazu, mit seiner top-aggressiven Außenpolitik alle erdenklichen sozialen und politischen Strukturen in seiner Region anzugreifen und nachhaltig zu erschüttern. Der Erfolg gibt ihm Recht; dank des Irans hat die Shia global eine Aufmerksamkeit und Bedeutung erreicht, die sich in eklatantem Missverhältnis zu seiner tatsächlichen Verbreitung befindet.

    Dennoch muss auf Basis der israelischen wie US-amerikanischen Geheimdiensterkenntnisse nüchtern als Fakt anerkannt werden, dass sich der Iran tatsächlich sehr weit von der Entwicklung von Atomwaffen entfernt befindet - und das gälte nur für den Fall, dass die Informationen des CIA sachlich falsch wären. Denn es war ein vom CIA abgehörtes Telefonat zwischen iranischen Atomwissenschaftlern, in welchem sehr klar von der Aufgabe eines derartigen Entwicklungsprogramms die Rede gewesen war.

    Das Motiv Netanjahus schält sich dank seiner schwachsinnigen Rede in den USA mittlerweile recht deutlich heraus: ihm geht es keinesfalls um eine angebliche Bedrohung durch einen atomar bewaffneten Iran, ihm geht es ausschließlich nur um dessen Niederwerfung, um ihn als Macht in der Region zu kastrieren oder gar zu eliminieren.
    Seine Rede vor dem Senat in Washington ging für ihn allerdings vollständig nach hinten los.
    Er hat sich global von dutzend Seiten scharfe wie harte Kritik eingefangen und nicht wenige Politiker weltweit zeigen ihm einen Vogel - es könnte für die Region kaum besser laufen, da sich Israel derzeit genau aus diesen Gründen selbst demontiert und isoliert. Für Bestrebungen der Palästinenser zur Erlangung internationaler Anerkennung eines eigenen Staates ist dies recht förderlich; Netanjahu selbst ist es, der die Glaubhaftigkeit und Zuverlässigkeit Israels auf dem internationalen Parkett nachhaltig zerstört.

    Ich fand jedenfalls die Rede von Netanjahu grundsätzlich gut. :DD

    Seine dumme Kreischerei hat sich längst abgenutzt und Teile seiner Unterstützung in den USA, seinem engsten Verbündeten, von dem ganz Israel fundamental abhängig ist, bröckeln dahin und genau das ist wichtig. Er selbst hat die Säge genau dort an den Faden, an dem seine Politik hängt, angesetzt, wo mit möglichst geringer Anstrengung möglichst großer Schaden für sich, seine Politik und ganz Israel angerichtet wird.

  • Israel - wird vor dem Internationalen Strafgerichtshof angeklagt

    Man wird ja mit den Jahren vorsichtig. :roll:

    Schon so oft dachte ich: "Na. Jetzt hat Israel den Bogen endgültig überspannt und wird jetzt international isoliert werden." und erfuhr ein ums andere Mal, dass die internationale Staatengemeinschaft in vollendeter Kumpanei mit den USA den Mantel des tödlichen Schweigens über die weiter anwachsenden Leichenberge warf, die Israel bei jeder seiner Vernichtungsaktionen gegen Palästina und Palästinenser zurückgelassen hat.
    Der Gipfel der (westlichen) Empörung war da schon ein halblautes Gemurmel, Israel möge vielleicht doch ein kleines bisschen weniger bestialisch töten.

    Noch nicht einmal die Nutzung von Phosphorbrandbomben, die Israel über Gaza-Stadt zu dem Zweck zündete, mit möglichst geringem Aufwand möglichst viele Zivilisten auszulöschen, führte zu Kritik - obschon die von Israel genutzten und in den USA hergestellten Brandbomben international geächtet sind und deren Anwendung gegen erkennbar schwerpunktmäßig zivil genutzten Regionen verboten ist.
    Westliche Medien "ersparten" uns hunderte von furchtbaren Fotos, die Überreste dadurch verbrannter Menschen zeigten und das war kein Zeichen von Feinfühligkeit, sondern bur Teil der Kampagne des Totschweigens. Unsere Politiker durften bisher fest darauf vertrauen, dass weder europäische noch US-amerikanische Bürger wirklich an der Wahrheit interessiert sind und viel lieber vollmundige Beteuerungen ihrer Regierungen akzeptieren, nach welchen alles in Ordnung und gerechtfertigt sei.

    Dabei existieren diese Bilder - und sie zeigen grauenvoll zugerichtete Leichen von Babies, zerrissene und verbrannte Körper, die als solche kaum noch zu erkennen sind.

    Es geschah international ..... gar nichts.
    Kein Sterbenswörtchen über den Einsatz der geächteten Brandbomben, kein Kommentar zum "Goldstone-Bericht", der aufgrund von Zeugenaussagen Betroffener nachgewiesen hatte, dass die israelische Armee bewusst und zielgerichtet, absichtsvoll auf Zivilisten, Nichtkämpfer und Kinder hat schießen lassen.

    Nach all diesen Jahren, Jahrzehnten der leisen und erstickten Qual hat Palästina nun also Zugang zum Internationalen Strafgerichtshof. Für den Beitritt wurde es bereits von Israel durch Intensivierung des Siedlungsbaus und durch die Zurückhaltung von Geldern, die aus internationalen Quellen zugunsten Palästinas auf israelischen Bankkonten einlaufen, bestraft.
    Allein diesen Umstand muss man angemessen würdigen: Israel wollte Palästina verbieten, auf internationaler Ebene um Rechtsprechung zu fragen. Was ist für eine Aussage dahinter, wenn der Täter sein halbtot geschlagenes Opfer für den Fall, dass es zur Polizei gehen wollte, bedroht? Israel hätte Palästina viel lieber im Kellerverlies der Welt unter Ausschluss aller Öffentlichkeit still und leise erwürgt - und nun wird der Kerkermeister und Mörder Israel ans Licht gezerrt.

    Beinahe könnte ich, wenn ich denn noch viel zu jung und unerfahren wäre, Hoffnung auf eine globale Verurteilung Israels hegen.
    Aber das wird natürlich nicht geschehen, weil der Einfluss der USA, die samt und sonders unter dem Eindruck der jüdisch-extremistischen Lobby AIPAC stehen, ungebrochen hoch ist - auch wenn Obama wegen Netanjahus Frechheiten zur Zeit ein wenig verschnupft ist.

    Das Sterben in Palästina wird noch zwei, drei Generationen mindestens weitergehen.
    Die Verfahren vor dem Internationalen Strafgerichtshof werden garantiert politisch erstickt und auf Befehl der USA und Europas mithilfe fragwürdiger, juristischer Spitzfindigkeiten niedergeschlagen.

    Die letzte Hoffnung dürfte auf den europäischen Einzelstaaten liegen, die sich über quälend lange Zeiträume langsam zu einer Verurteilung Israels hinreißen lassen und Palästina im Rahmen einer gesamteuropäischen Entscheidung irgendwann einmal als Staat gänzlich anerkennen werden. Aber auch das ist fraglich: möglicherweise zögert man diesen Moment solange heraus bis die Erkenntnis dämmern wird und muss, dass aufgrund fortschreitender Zersiedelung Palästinas durch Israel kein lebensfähiger Staat Palästina mehr gründbar ist.

    Damit hat die Staatengemeinschaft nicht nur vollkommen versagt - sie hat sich zum Mittäter gemacht.

    Ich habe jedenfalls die Hoffnung, dass sich irgendwann einmal irgendeine Staatengemeinschaft dem furchtbaren Schicksal Palästinas zuwendet, vollständig aufgegeben. Ich werde es definitiv nicht mehr erleben, dass den Menschen dort Gerechtigkeit widerfährt, ein Staat gegeben und Israel für seine Verbrechen verurteilt wird.

  • Der Russe Boris Nemzow und die Scheinheiligkeit

    Es könnte ja beeindruckend sein und ein Zeichen; wert, durch die Welt gesandt zu werden.
    Es war schon eine bestaunenswerte Aktion von tausenden von Demonstranten und hunderten von Medien rund um die Welt, die der Ermordung von Nemzow mit feinfühligen und harschen Artikeln, Stellungnahmen und Interviews folgten.

    Nur sind all diese Bemühungen leider nicht nur wertlos.

    Wertlos, weil alle Welt ziemlich genau um die großrussischen Bestrebungen Putins weiß, die sich mit kaum anderen Mitteln in Szene setzen wie die des westlichen Blocks. Die Putin'schen Strategien sind lediglich ein wenig offener und "robuster" als die des Westens und operieren klarer erkennbar mit den Mitteln des Militärs, der gezielten Indoktrination ganzer Bevölkerungen durch die nachhaltige Verbiegung der Medien und nacktem Zwang. Während Obama, das ist eine geradezu lustige Parallele, als charmanter Sunnyboy durch die Welt tänzeln darf, setzt sich Putin grimmig mit nacktem Oberkörper auf ein Pferd und rettet eigenhändig Tiger.
    Die politischen Claims sind längst abgesteckt und nur noch Dummköpfe bedürfen immer weiterer Fingerzeige, in welche Richtung sie zu denken haben.

    All diese Bemühungen stinken auch vor Verlogenheit.

    Die "Freunde" Deutschlands und der USA dürfen selbstverständlich in aller Öffentlichkeit nicht nur Menschenrechte in den Schmutz treten, sondern erhalten sogar mit großer Selbstverständlichkeit auch alles an Waffen und Geld aus deutschen und US-amerikanischen Schatullen, wonach sie nur fragen. Da dürfen ohne großes Aufhebens und am laufenden Meter Menschen, Regierungsgegner, vor laufenden Kameras auf öffentlichen Plätzen bei Tageslicht und größerem, gröhlenden Publikum schwerstens ausgepeitscht werden. Was bei einem "IS" für Entsetzen sorgt, ist in Saudi-Arabien beinahe gleichgültig lassendes Tagesgeschäft: öffentliche Enthauptungen.
    Aber all das spielt keine Rolle; die saudi-arabische Führung darf sich jeden Abend in den Schlaf lachen - denn sie darf, was für andere zum "Verbrechen" erklärt wird.
    Dafür bekommen sie aber Leopard-Kampfpanzer.
    Aber keine Kritik.

    Wir dürfen die Augen davor nicht verschließen und weder damit aufhören, uns diese Fragen nach Verhältnismäßigkeit und Maßhaltigkeit "unserer Werte" zu stellen noch, die Verantwortlichen für diese Schieflagen darauf anzusprechen und sie nach ihren Motiven zu fragen - die allesamt unredlich, niedrig und profitinteressiert sein müssen.
    Ich habe noch in der Schule gelernt, dass ich keinen Menschen töten (lassen) darf. Und dass es nicht in Ordnung ist, den einen Toten zu beweinen und den anderen gleichgültig zu vergessen.

    Trotz allem, was Russland in der Ukraine angerichtet haben mag bleibt die bittere Erkenntnis, dass die USA nebst des ganzen Westens von weit höherer Ebene nach unten schilt und kritisiert: die Höhe aber wurde aus tausenden und abertausenden von Leichen hergestellt, die der Westen zu verantworten hat.

    Der Saudi-Araber Raif Badawi, ein regierungskritischer blogger, etwa böte uns eine Chance, zur Gerechtigkeit, Aufrichtigkeit und Wahrheit ein Stückchen zurückzukehren: wegen angeblichem "Abfall vom Glauben", eine für einen guten Muslimen haarsträubende Anklage, soll ihm nun die Todesstrafe drohen, so habe es angeblich eine "offizielle Stelle" aus dem Königshaus angedeutet. Er wurde bereits "rechts"-kräftig zu tausend (!) Peitschenhieben verurteilt, von denen ihm bereits fünfzig verabreicht worden sind.

    Hierzu allerdings verlautbart aus der Bundesregierung gar nichts. Kein Fünkchen einer Kritik, lediglich Sigmar Gabriel will sich angeblich um den blogger bemühen - aber regierungsoffiziell passiert nichts.

    Nun muss mir irgendjemand einmal erklären, warum Boris Nemzow als Mensch wertvoller war als es Raif Badawi ist. Letzter hat im Moment wenigstens noch den Vorzug vor Nemzow, noch zu leben - ich unterstelle allerdings dem geschlossenen Westen ein hohes Maß an Bedauern deshalb; allen wäre es wohl viel lieber, das saudische Königshaus würde Badawi ohne viel weiteres Federlesens möglichst zügig und leise umbringen, damit der Fall nicht noch mehr unangenehme Kreise ziehen und Leute wie mich nicht mehr zur weiteren Multiplikation harscher Anklage bringen kann.

    Badawi ist für Berlin unappetitlich und eine peinliche Störung der Geschäfte. Man wird sich in Regierungskreisen wünschen, Badawi würde als Regimekritiker, der die extreme Schieflage in Saudi-Arabien öffentlich gemacht hatte, schnell verschwinden.

    Dann hätte man viel mehr Zeit und Nerven, den Verlust von Regimekritikern wie Nemzow mit großer Energie öffentlich zu beweinen und zu beklagen, was ja politisch viel lukrativer ist und den Machtinteressen des westlichen Blocks im Osten zur Stimmungsmache optimal dient.
    Der beständig folternde und enthauptende Staat Saudi-Arabien darf ungestört weitermachen und Millionen wie wohl Milliarden an alle erdenklichen, weil benötigten Terrororganisationen auszahlen und im Ausland wie Deutschland extremistisch-wahhabistische "Akademien" wie die "König-Fahd-Akademie" in Bonn aufbauen, in welcher sie dann genau die Salafisten ausbilden, gegen die Deutschland dann Razzien wie die in Bremen fahren muss.
    Beinah unnötig zu betonen, dass Deutschland selbstverständlich beim Aufbau der Akademie und bei deren Betrieb Hilfestellung in Form von Förderungen ausschüttete, weil die Saudis bekanntlich so arm sind.

    Aber das ist ja was anderes .... die Saudis sind ja "Freunde", die deutscher Waffen nebst Spezialausrüstung zur Niederschlagung von Demonstrationen dringend bedürftig sind. "Freunde", so Merkel, die dringend "ertüchtigt" werden müssen.
    Ertüchtigt .... wozu?

    Boris Nemzow stirbt jeden Tag ein zweites Mal - weil sein Tod instrumentalisiert wird und ein Panoptikum an Verlogenheit und Heuchlerei offen zutage treten lässt. Sein Werk, seine Arbeit, sein Kampf ... all das ist dahin und entwertet.
    Dafür wird Raif Baladi unter unseren Augen zu sterben haben. Er ist der Wertlosere, der Uninteressante, der Beliebige, der notwendige Tote, der auf unseren Altar des Dollars gelegt werden muss.

  • Jemen - (An-) Klage eines Dreizehnjährigen

    Mohammed Tuaiman, ein dreizehnjähriger Junge aus dem Jemen, erhielt vor einigen Monaten durch das britische Blatt "The Guardian" eine Chance, sich aus seiner Sicht zu den beständigen Drohnenangriffen durch das US-Militär zu äußern.

    Mohammed hatte allen Grund dazu, immerhin fielen bereits sein Vater und sein Bruder Drohnenangriffen zum Opfer.

    Ich sehe sie jeden Tag und wir haben Angst vor ihnen.

    sagte Mohammed dem "Guardian". Vater und Bruder sind beide beim Hüten der Familienkamele von einer Drohne im Jahr 2011 getötet worden.

    Sie sagen uns dass diese Drohnen von Basen in Saudi-Arabien und von jemenitischen Basen kommen und Amerika sendet sie um Terroristen zu töten, sie töten aber immer unschuldige Leute. Wir wissen nicht warum sie uns töten. In ihren Augen verdienen wir nicht wie Menschen im Rest der Welt zu leben und wir haben keine Gefühle oder Emotionen oder weinen oder fühlen Schmerz so wie alle anderen Menschen in der Welt.

    Ach .... bevor ich es vergesse: natürlich wurden alle Getöteten durch die USA kurzerhand von unschuldigen Zivilisten zu "Al-Qaida-Mitgliedern" ernannt, denn es kann ja nicht sein, was nicht sein darf: ein viel zu hoher Anteil an Unschuldigen, Unbeteiligten unter den Todesopfern der Killertechnologie Drohne.

    Übrigens wurde auch Mohammed, unser Dreizehnjähriger, zum "Al-Qaida-Mitglied" ernannt.

    Er selbst wurde nämlich wenige Monate nach seinem Interview Opfer eines Drohnenagriffs.

    Das dritte Familienmitglied also .... alles al-Qaida-Mitglieder. Ausnahmslos.

  • Israel und Juden - zwei getrennte Welten, die nicht zusammengehören

    Die wohl weitaus meisten Juden unserer Tage sind nicht weniger in der modernen Zeit ankgekommen wie die weitaus meisten Muslime auch und sie sind wie jeder andere, strebsame, höfliche und entspannte Zeitgenosse in Deutschland natürlich ein unauflöslicher Teil des Landes.

    Im Grunde ist es höchst alarmierend, dass solche Selbstverständlichkeiten überhaupt formuliert werden müssen und diese Notwendigkeit zeigt uns, wo wir zwischenzeitlich angekommen sind.

    Sowenig wie man den "Kalifen"-Idioten neben seinen abgeprallten Schergen mit "dem" Islam identifizieren bzw. verwechseln darf, sowenig darf man Israel verwechseln mit "dem" Judentum.

    Benjamin Netanjahu allerdings müht sich wirklich redlich, auch das krankeste und wahrhaft mieseste Fehl- wie Vorurteil über "die" Juden mit Leben zu füllen. Wie wir bei SPIEGEL-Online erfahren müssen, besteht ein nicht allzu geringer Teil seines privaten wie politischen und wohl auch religiösen Lebens aus nichts als Lüge. Er schreckt auch vor drastischen Lügen nicht zurück, um seinen aggressivsten Kriegsprovokationen weiter folgen zu können - ich zitiere:

    Während einer Rede vor der Uno-Vollversammlung zauberte Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu 2012 ein Plakat mit den Umrissen einer Bombe hervor und markierte mit einem fetten Filzstift die sprichwörtliche "rote Linie", ab der die Produktion einer Atombombe in Iran nicht mehr zu stoppen sei und Israel militärisch eingreifen müsse: Spätestens im Sommer 2013 sei es soweit.
    Nun berichten die britische Zeitung "Guardian" und der Fernsehsender Al Jazeera: Der israelische Auslandsgeheimdienst Mossad hat wenige Wochen nach Netanyahus Rede in einem Bericht seiner Einschätzung widersprochen.

    Das hört sich heute, im Abstand von beinahe drei Jahren, sehr viel harmloser an als es jemals war: wir müssen uns daran erinnern, dass Netanjahus "Begleitmusik" zu diesem peinlichen Kasperleauftritt vor der UN aus dem intensiven Einarbeiten auf die US-Regierung bestand, die unter Hochdruck zum militärischen Losschlagen gegen Iran gekeilt werden sollte. Netanjahu bettelte Washington geradezu um den Kriegsausbruch an, wobei er immer wieder sein (wie wir heute wissen: erlogenes) Bild von einem Iran zeichnete, der seine ersten Atomraketen bereits auf die Startrampe schob, um sie gen Israel abzufeuern.

    Alles Lüge.

    Gut - die Welt hatte es längst gewusst. Nicht allzulang vorher hatte nämlich der CIA ehemals geheimes Abhörmaterial veröffentlicht, welches vermittels eines mitgeschnittenen Gesprächs hochrangigster, iranischer Wissenschaftler eindrucksvoll bewies, dass Iran längst alle Forschungen für Atomwaffen eingestellt hatte.
    Kurioserweise hatte sich (keine Ahnung, wie das passieren konnte!) die US-Führung seinerzeit völlig richtig entschieden und Netanjahu konsequent die kalte Schulter gezeigt. Nein, ein Krieg gegen Iran erschien den USA damals nicht erstrebenswert, uns so unterblieb er auch.

    Aber führen wir uns das doch mal vor Augen ..... denn was uns eine Petitesse ist, die uns im Zweifelsfall höchstens zum schiefen Grinsen reizt, das ist für viele Millionen anderer Menschen Grund genug, furchtbarste Ängste zu entwickeln. Viele Millionen Israelis und noch viele Millionen Iraner mehr haben monate- wenn nicht jahrelang unter der Angst eines kurzfristig ausbrechenden, mit hoher Wahrscheinlichkeit schnell atomar geführten Krieges zu leiden gehabt. Die Angst schlug sich in der Aktion "Israel loves Iran" nieder (der ich mich begeistert angeschlossen hatte) und zeigte hunderttausende von Israelis, die einen kühlen Kopf und ein warmes Herz behalten und den Iranern die Hand entgegengestreckt hatten. Sie weigerten sich schlicht und ergreifend, die schrille Kreischerei ihres durchgeknallten Ministerpräsidenten für sich umzusetzen. Die Antwort war überwältigend und berührend: hunderttausende von Iraner fingen die Botschaft auf und streckten ihrerseits Israel die Hand entgegen.

    Ich bin alles andere als sattelfest in jüdischen Fragen, das gebe ich gern zu.
    Aufgrund der Erfahrung, wie sehr sich Islam und Judentum ähneln wage ich die Behauptung, dass "hüben wie drüben" das Mittel der Lüge ein verbotenes ist, ein Friedensgebot gleich dem muslimischen gilt und Protz- wie Prahlsucht ebenso abgelehnt werden wie aufrührerisches, hetzerisches Kreischen. Benjamin Netanjahu aber hat sich gegen all das vergangen - bestialisch und auf das Widerwärtigste vergangen.

    Die Verzweiflung in der muslimischen Welt, die sich im Hass gegen Juden irgendwo auf der Welt Bahn bricht, resultiert aus dem todbringen wie eiseskalten Schweigen der Welt. Aus der trotzigen Kumpanei der Golfstaaten, die angeblich islamisch sein wollen, mit dem Westen auf diesem Weg. Aus dem Umstand, dass selbsternannte Führer der Gläubigen, ob sie sich nun "König" oder "Emir" nennen, Abziehbilder des Westens sind, die ihren Geschwistern in Palästina höchstens ätzende Kommentare, aber keine wie auch immer geartete Hilfe zukommen lassen.

    Benjamin Netanjahu ist ein kranker Mann, der zwischen seiner vielleicht einstmals zugewandten und produktiven Idee eines modernen Israels, der schieren Macht und den daraus entspringenden Versuchungen nicht mehr unterscheiden kann und den Blick auf alles Normale dem auf das Lukrative und sonstwie irgendwie gewinnbringende geopfert hat. Und er ist bereit dazu, noch viel mehr zu opfern. Sehr viel mehr.

    Nein - Israel ist alhamudlillah kein "jüdischer Staat"!
    Ebensowenig wie Deutschland ein "katholischer" Staat wäre oder jemals sein könnte.

    Wir müssen das auf jeden Fall ganz richtig verstehen, weil von dieser Frage Hunderttausende und Millionen von Leben direkt abhängen.
    Wie ich von allen Deutschen kategorisch verlange, zwischen Sunniten und Shiiten unterscheiden und Extremisten als solche erkennen zu lernen, weil wir eben viele Millionen und unauflöslicher Teil Europas sind, so erwarte ich gleichzeitig auch von Europäern, in dieser Frage unverstellten Blickes und klarer Idee zu bleiben: Israel ist kein "jüdischer Staat" und das, was Israels Regierung tut, darf unter keinen Umständen mit der jüdischen Religion verwechselt werden!
    Europa lebt und ernährt sich direkt von den Ländern und Menschen des Nahen und Mittleren Ostens; es säuft sein Öl, exportiert auf Deibel-komm-raus dorthin und müht sich, um möglichst viel politische und wirtschaftliche Macht dort zu installieren. Bisher aber versucht Europa, ein "Herr-Sklaven"-Verhältnis zu etablieren, in dem es seine Übermacht nicht nur zur Schau stellt, sondern auch aktiv benutzt. Schon Rom erfreute sich zwar generationenlang über ein durch Peitschen und Schwerter niedergeknüppeltes, aggressiv befriedetes Sklavenheer, ging jedoch genau daran zu Grunde. Schon Rom musste einsehen, dass man Vieh, welches man melken und eines Tages essen will, wenigstens anständig behandeln sollte - sonst senkt es eines Tages seine Hörner uns stürmt nach vorn, wir erinnern uns an Spartacus.

    Ob Netanjahu überhaupt Jude ist, kann und werde ich noch weniger entscheiden, als ich mich derartigen Fragen innerhalb des Islam widme - weil nicht widmen darf. Für einen Muslimen ist jeder solange Muslim, wie dieser sagt, dass er einer sei. Ich habe über ihn weder zu rechten noch zu urteilen, das steht allein Allah zu.
    Noch weniger würde ich Netanjahu absprechen, Jude zu sein.
    Vielleicht wünsche ich mir ganz einfach nur, er wäre keiner. Der Schmutz, mit dem er diesen Glauben bewirft, ist kaum reiner als der, mit der der "Kalif"-Idiot den Islam malträtiert.

    All das muss auch den Juden Europas durch den Kopf schwirren und es ist ein tragischer wie furchtbarer Fehler, sich reflexhaft starrsinnig hinter die israelische Führung zu stellen, damit man sich ein bisschen weniger allein auf der Welt fühlt.
    Es ist nur zu allergeringsten Teilen trivialer Antisemitismus, der überall auf der Welt zu Angriffen auf sie verleitet - es ist in wesentlichen Teilen aber die Schuld der jüdischen Vertretungen, die sich vom abstürzenden Regime in Israel in keinster Weise distanzieren. Sie vereinigen das Gesicht des "kleinen Mannes" mit dem Israels und setzen es dadurch der Wut aller aus, die die Verbrechen des israelischen Staates gegen jedes Recht, gegen jede Menschlichkeit einfach nicht mehr ertragen und keinen Anwalt finden können, der ihr Anliegen gut hörbar und für alle öffentlich gegen Israel platziert.
    Die, die beständig so unglaublich hohe Ansprüche im Maule führen wie Deutschland, das unablässig überall auf der Welt von "Menschenrechten" faselt, die verhalten sich unerträglich stumm und die, die wie Obama das Maul noch viel voller genommen haben und die ganze Region in Versprechungen haben ersaufen lassen, die verhalten sich gegenteilig und machen alles noch viel, viel schlimmer (indem sie für laufende Zivilistenbeschießungen direkt Waffen an Israel liefern etwa).

    Was übrig bleibt, das ist längst nicht nur der Loser unserer Gesellschaft, der Kleinkriminelle, der sich wegen seines verkrachten Lebens an die Extremisten wendet ..... das ist zuweilen ein sonst völlig normaler Muslim, der einem Kippatragenden Menschen begegnet und in ihm das eisige Schweigen des deutschen Zentralrats und der kumpelhaft mitschweigenden, deutschen Regierung sieht. Ein guter Muslim bemerkt seine aufkeimenden, hässlichen Assoziationen und wird seiner Herr. Der macht sich auf Befehl Allahs die Realitäten klar und erkennt, dass der mit der Kippa wahrscheinlich selbst gekeiltes Opfer seines Zentralrats ist.
    Aber auch für einen guten Muslimen ist diese Aufgabe zuweilen ganz extrem anstrengend; verfügt er über Verwandte und Freunde in Palästina und dessen Umgebung, jagt sie ihm Schauer des Entsetzens und der Anstrengung über den Körper, wenn er eine Kippa sieht und hört, dass er nichts hört. Keine Distanzierung, keine Verurteilung - sondern nur eisiges Totschweigen israelischer Verbrechen hier in unserer tagesaktuellen Realität, in unserem Dortmund auf der Straße, in Hannover vielleicht oder in Nürnberg. Nicht in Raqqa, nicht in Gaza, nicht in Jerusalem - sondern hier.
    Das jüdische Schweigen in Deutschland zu Israel drückt den Juden Deutschlands genau die Eisenstange in die Hand, mit der heute in Israel Araber systematisch gejagt und blutig geprügelt oder gleich erschossen werden.

    Wir Muslime haben uns in den letzten Monaten gefühlt millionenfach in allen Medien und auf allen Straßen, in vielen tausend Moscheen, auf vielen tausend Märkten und in hunderttausenden von persönlichen Gesprächen wie gewünscht von allem extremistischen Terror distanziert.
    Zugegeben: es hat uns oft einen Stich versetzt.
    Stellt Ihr Nichtmuslime Euch einfach nur einmal vor, Ihr würdet im Ausland als "Nazi" angesprochen und sowohl ganz ernsthaft als auch aufrichtig wie verwundert direkt gefragt, weshalb Ihr eigentlich persönlich bis heute Schwarze "Neger" nennt und sie auf offener Straße niederstecht. Ihr würdet Euch diesen Fragen zehnmal, vielleicht fünfzig Mal zugewandt, geduldig und freundlich widmen - aber irgendwann einfach nicht mehr können weil der Brunnen, dem diese Fragen entspringen, niemals leer wird. Ihr wüsstet ganz genau, dass der nächste, der um die Ecke biegt, Euch genau die gleichen Fragen wieder stellen und Euch als Nazi betrachten wird.

    Die Juden haben diesen Weg noch vor sich und je eher sie ihn beschreiten und endlich eine eigene, deutsche bzw. europäische Identität entwickeln, die sich von der israelischen distanziert, desto schneller wird eine Kippa keine Bedrohung mehr sein, sondern eine Zier - so, wie es sein müsste.

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