Im zweiten Teil meiner Meditation soll es versuchsweise ganzheitlich um eine gedankliche "Klammer" gehen, mit welcher man zentrale Aussagen in der Offenbarung subsummieren kann. Nach meiner Auffassung und nach meinem ureigensten und direkten Erleben liegt in der Verwendung des Begriffs "Zeichen" ein ganz besonderer Fingerzeig, ein spezieller Schlüssel zum Verständnis des Islam - sofern man sich mit der Idee des Quran wenigstens halbwegs gründlich auseinandergesetzt hat.

Es gibt ziemlich gute Online-Angebote, die das Durchsuchen des Quran (für Nichtaraber in Form der "ungefähren Übersetzung") bequem ermöglichen - und befüttert man das Suchfenster nur allein mit dem Wort "Zeichen", erhält man eine ganz ungeheure Menge an Treffern. Das kann und soll allerdings nachdenklich machen.

Beginnend beschäftige ich mich mit der landläufigen Definition von "Zeichen":

Im Allgemeinen erwarten wir im spirituellen Sinne unter "Zeichen" etwas wie "Wunder" oder auch "Zauber". Nicht nur die Geschichte der gesamten Menschheit, sondern gerade auch die aktuelle Gegenwart spricht Bände von der Sehnsucht der Menschen nach speziellen "Zeichen", die überzeugend ausschließlich aus dem Wirken eines Gottes, von Göttern oder gar Dämonen stammen. Diese offenbar unstillbare Sehnsucht spiegelt sich in Sichtungen von merkwürdigen Phänomenen wieder; zuweilen sehen Menschen angeblich das Antlitz eines "Heiligen" auf einem frisch zubereiteten Toast, in der Fellzeichnung von Kühen oder gar in der Rauchwolke des explodierenden Twin-Towers in New-York.

Das hat etwas beinahe anrührend Comic-haftes, etwas geradezu Infantiles an sich und erklärt Erwachsene zu staunenden, großäugig dreinschauenden Kindern, die in Vielem "Wunder" erkennen, was sich ihnen (noch) nicht anders und rational erklärt.

Aber wenn der Verstand kommt, sterben solche "Zeichen" in unserer Wahrnehmung aus, sofern die individuelle Entwicklung gerade und gesund verläuft und solche kindlichen Sehnsüchte austrocknet.

Andererseits aber leben viele, sehr viele, moderne "Seher", "Schamanen", "Wahrsager" und selbstbehauptet "Eingeweihte" von solchen "Zeichen"; sie produzieren sie mit dramatisch unterschiedlichen Methoden meist selbst - von chemisch herbeigeführter Halizunation bis hin zu knallharter, psychischer Suggestion. Sie leben von unserer Kindlichkeit, von unserer Unsicherheit und von Resten dieser jahrtausendealter Sehnsucht nach "Zeichen" irgendeiner paranormalen Wesenheit. Deshalb erschaffen sich die Menschen Fetische, sie "weihen" Gegenstände und sprechen ihnen "Macht" zu, "Zeichen" zu tun, "Wunder" zu bewirken und Teil oder Werkzeug eines Gottes zu sein.

Im Verlauf der Geschichte fielen zahllose Menschen solchen Fetischglauben zum Opfer; es wurden blutige Kriege um sie geführt, ihnen wurden grauenvolle Opfer dargebracht - und allzu häufig verloren Menschen ihr Leben, weil sie sich im Schutz eines solchen Fetisches wähnten und ein ungewinnbares Risiko eingingen.

Diesen an schieren Wahnsinn genzenden Blutzoll, das dadurch erzeugte, nutz- wie ergebnisloses Leid zu beenden, spricht der Islam eine sehr klare und völlig unmissverständliche Sprache: alle diese "Wahrsager" gehören zum Dorfe hinausgejagt - und vor den Toren umgebracht. Dies ist eine Auffassung, die ich vollumfänglich teile.  

Dabei bedarf es weder Heiligengesichter auf Toasts, es bedarf keiner Tarot-Karten, keiner zufällig und lustig befellten Kuh - es bedarf nur eines offenen Auges, und die Welt ist übervoll von "Zeichen".

Und so legen Wir die Zeichen vielgestaltig dar, damit sie sagen können: "Du hast geforscht", und damit Wir sie für die Leute, die Wissen haben, klar machen. 

(Surah Al-An'am 6:105)

Wir Menschen werden das, was wir haben, was uns gegeben ist, worüber wir beinahe uneingeschränkt längst schon verfügen, niemals verstehen - unser Verstand gebricht selbst an den vermutet "einfachsten" Dingen. Wir können sie vielleicht noch mathematisch beschreiben und wir kennen Leute, die sich bemühen, diese Dinge wirklich zu begreifen und die dafür viele Milliarden an Forschungsgeldern erhalten (was völlig richtig ist!) - wirklich begreifen aber werden wir sie nie, und deshalb sehen wir sie zumeist nicht, auch wenn wir täglich tausendfach von "Zeichen" und "Wundern" umgeben sind.

Wer "begreift" denn schon einen sternendurchwirkten Nachthimmel? Obschon wir ihn alle sehen können?

Rationalisten winken ärgerlich ab und halten diese Idee für reine Rhetorik - sie sind unfähig, im Alltag als "Wunder" für sich zu identifizieren, was sie als selbstverständlich empfinden. Es verlangt sie nach dem, was sie aus ihren unverständigen Kindertagen kennen und an dem sie beinahe verzweifelt festhalten: sie brauchen besondere "Wunder".

Und sie haben bei Allah hoch und heilig geschworen, wenn zu ihnen nur ein Zeichen käme, würden sie sicherlich daran glauben. Sprich: "Über die Zeichen verfügt Allah. Und was gibt euch die Sicherheit, daß sie glauben, wenn sie kommen?"  

(Surah Al-An'am 6:109)

Wenn Allah dieser kleinlichen wie kindlichen Sehnsucht tatsächlich Folge leisten würde, wäre er nicht der Schöpfer, sondern nichts als ein ebenso unfähiger, kleingeistiger Mensch. Das Ergebnis wäre Null - es würde den Hunger nach "Zeichen" nur noch weiter anfachen, nichts gälte mehr als "Beweis" und nichts Göttliches wäre mehr erkennbar, wenn es nicht immer wieder, immer stärker durch immer größere "Wunder" gestützt würde. Nein, in der Tat: es existierte überhaupt keine Sicherheit, dass sie glauben würden.

Und sie sagten: "Was du uns auch immer für ein Zeichen bringen magst, um uns damit zu bezaubern, wir werden dir doch nicht glauben." 

 [Surah Al-A'raf 7:132]

Dabei ist wahrhaft wundervoll genug, was wir sind, woher wir kommen und was uns in Form unserer Erde und dem Kosmos längst zur Verfügung steht!

Kürzlich sah ich eine faszinierende Dokumentation über den Ursprung unserer Galaxis und bestaunte die Feststellung der Physik, dass die beim Urknall entstandene Gravitation ungeheuerlich exakt die Bedingungen eingestellt hatte, unter welcher das Universum überhaupt vergleichsweise dauerhaft Beständigkeit erhalten konnte. Nicht ein Millionstel Promill des Gravitationswertes hätte nach unten oder nach oben variiert werden können, ohne das soeben entstandene Universum unverzüglich wieder vollständig zu vernichten.

Wahrlich, in dem Wechsel von Nacht und Tag und in allem, was Allah in den Himmeln und auf der Erde erschaffen hat, sind Zeichen für gottesfürchtige Leute.  

[Surah Yunus 10:6]

Wem das nicht zum "Zeichen" taugt, der ist wie der Gelehrte, der am Rand eines Flugplatzes steht und staunt, wie denn auf so wunderbar zufällige Weise die exakt richtigen Teile aus dem Himmel geflogen kamen und sich zu einem Flugzeug zusammenfügten. Das ist Unsinn? Aber so wollen Rationalisten und Atheisten in ihrer Infantilität die Entstehung der Welt erklären: alles, was zu unserer Entstehung notwendig war, fügte sich nach ihrer Überzeugung "zufällig" zusammen.

Einen Muslim lässt jede Entdeckung der (Astro-) Physik und jeder Scholastik vollständig kalt - oder aber erfüllt ihn mit noch tieferem Glauben an die Allmacht des Schöpfers. Wir stellen weder Urknall noch Chemie oder Physik auch nur ansatzweise in Frage; wie auch, da wir doch wissen, dass all diese Dinge, Fakten und Wahrheiten nichts als Allahs Schöpfung sind und somit aus ihm als ultimativem Ursprung direkt erschaffen sind.

All diese Gedanken sollen niemanden überzeugen - denn nach meiner Überzeugung wäre dies ein von vornherein aussichtsloses Unterfangen, vergebliche Mühe und hätte nichts als Frustration auf allen Seiten zum Ergebnis. Aufrichtig bedauernd und ernüchtert achselzuckend folge ich denn auch konsequent wie richtig einer weiteren Ajat:

Sprich: "Schaut doch, was in den Himmeln und auf der Erde ist." Aber den Leuten, die nicht glauben, helfen die Zeichen und die Warnungen nichts. 

 [Surah Yunus 10:101